Ressort
Der letzte Mann
Erstellt
29.01.2009, 19:36
Kolumne
Ronald Reng 

Der Geist von Neustift

Österreich war immer nur ein Flughafen für mich. Meine Frau ist Südtirolerin, und zweimal im Jahr, in den Sommer- wie den Winterferien, landeten wir in Innsbruck, der Schwiegervater holte uns ab, und schon waren wir über die Berge, Österreich hatten wir gar nicht wahrgenommen.


Als ich nun zu diesem Winterurlaub in Innsbruck aus dem Flugzeug stieg, spürte ich, etwas hatte sich verändert. Euphorie ergriff und trug mich. Mit einem glücklichen Lächeln betrachtete ich das spektakuläre Bergpanorama genauso wie das ächzende Kofferrollband. Österreich ist nun das magische Land für mich.
Fünf Wochen im Sommer 2008 weilte ich nahe Innsbruck in Neustift im Stubaital. Ich habe bis heute nie aufgehört, dort zu sein – in meinen Tagträumen. Als Reporter begleitete ich die spanische Nationalelf, die von ihrem Trainingsquartier in Neustift aus die Europameisterschaft eroberte. Es war, als Journalist, Fußballfan und Fußballspieler (und viel mehr wollte ich nie sein), eine der besten Zeiten meines Lebens. Es war die Erfüllung einer Sehnsucht. Eine Elf, die im reinsten Sinne einfach nur besser Fußball spielen wollte als alle anderen, gewann tatsächlich. Der Zeitgeist lästerte, Spaniens Fußball, diese Ode an den schönen Pass, an die Anmut, die Schnörkel und die Langsamkeit, sei doch ewiggestrig, doch die Spieler von Trainer Luis Aragonés hielten sich die Ohren zu. Mit ihren ewigen Passkombinationen trugen sie Spielzüge vor, bei denen jeder Pass einer Strophe glich, die sich zum schönsten Gedicht fügten. In einer Zeit, in der selbst Brasilien, das Synonym für sprühende Spielfreude, ökonomisch-rational agiert, waren Aragonés’ Spanier die letzten Brasilianer.
Gelegentlich, wenn ich Europameister wie jüngst Andrés Iniesta zu Interviews treffe oder ihnen nun in ihren Vereinen beim Fußball zusehe, stellt sich das innere Leuchten von damals wieder ein. Doch zu viel Zeit verbringe ich, am Schreibtisch, mit den Kindern auf dem Spielplatz, alleine mit meinem Hochgefühl. Ich musste mir eine Projektionsfläche suchen, die mich an die glücklichen Tage von damals erinnert, die das Glück am Leben erhält. Ich fand den SSV Neustift.
Auf dem Sportplatz des Tiroler Amateurvereins am Kamplersee trainierte Spanien während der EM. Ich wurde Fan des SSV Neustift, weil ich glaube, dass der spanische Geist von Neustift doch irgendwo weiterleben muss – und weil ich Grund habe zu glauben, dass der SSV aus der Landesliga West den Geist hütet. Es geschah beim Training zwei Tage vor Spaniens EM-Halbfinale gegen Russland: Oben an den steilen Hängen des Omesberg waren Spaniens treueste EM-Zuschauer, die Schafe, bereits nach Hause gegangen, unten am Sportplatz aber summten und brummten noch hunderte Zuschauer, angesteckt von der unschuldigen Begeisterung, die die »Selección« ausstrahlte. Und während Spanien übte, lief direkt neben dem Sportplatz die Kampfmannschaft (welch ein Wort: Kampfmannschaft. Es lebe die österreichische Sprache!) des SSV Neustift um den Kamplersee, um sich die Kondition für die anstehende Saison zu holen. Ich habe noch nie ein österreichisches Fußballteam so laufen sehen wie den SSV Neustift. Dies liegt zugegeben auch daran, dass ich selten österreichische Fußballteams anschaue. Aber es war unverkennbar: Der Geist hatte sie gepackt. Sie liefen mit diesem seligen Lächeln, das ich seit jenen Wochen so gut aus meinem Gesicht kenne; das Nicht-Eingeweihte fälschlicherweise für ein debiles Grinsen halten.
Seitdem verfolge ich von Barcelona aus über das Internet fanatisch den Weg des SSV Neustift. Rene Ceipek ist mit sieben Toren bester Schütze, Daniel Bertsch im Tor, die Gleirscher-Brüder im Sturm – ich weiß nichts über sie und doch alles: miserabel in die Saison gestartet, zwar derzeit nur Siebter, aber seit acht Spielen nicht mehr verloren; aus der Ferne glaube ich: Der Geist von Neustift lebt! Samstags sitze ich mit 90.000 im Camp Nou und schaue Barcelona gegen Real Madrid oder Valencia und träume davon, ihn ein Mal, nur ein Mal, zu sehen: den SSV Neustift.
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Ronald Reng (Illustration: Karin Aue)
Zum Autor
Ronald Reng
Autor der Tormann-Hommage »Der Traumhüter«. Das Buch wurde in Deutschland ein Bestseller und 2004 als erstes ausländisches Werk mit dem britischen »Sports Book of the Year Award« ausgezeichnet. Er lebt in Barcelona, schreibt für die »Süddeutsche Zeitung« und den Zürcher »Tages-Anzeiger« über spanischen Fußball und veröffentlichte Romane wie »Fremdgänger«. 

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