
Funktionäre aus der Kurve
Der Sturz des Kartnig-Regimes zog einen vereinsinternen Kulturwandel nach sich. Weg von Tyrannei hin zu basisdemokratischer Fanintegration lautet die Maxime des neuen SK Sturm. Alexander Stangl und Thomas Strohmeier, zwei Urgesteine der schwarz-weißen Fanszene, explizieren, wie der einstige Störfaktor Kurve zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil des Vereinswesens geworden ist.
Alex ist Begründer der »Grazer Sturmflut 1996« und Thomas Mitglied der ersten Stunde der »Jewels Sturm 1994«. In der Zwischenzeit sind 13 bzw. 15 Jahre vergangen. Wie sieht eure heutige Bindung an den Verein aus?
Thomas: Bei den Spielen des SK Sturm bin ich auch heute noch in der Fankurve anzutreffen. Hinzugekommen ist meine offizielle Funktion innerhalb des Vereins. Ich bin Fanvertreter und somit Bestandteil des Vorstands. Wie lange ich diese Position ausfüllen werde ist ungewiss. Einerseits wird es dadurch bedingt sein, wie lange ich Zeit finden werde, diese Funktion würdig zu bekleiden, andererseits wird es davon abhängen, wie lange mich die Sturm-Mitglieder in dieser Position sehen wollen. Da es sich bei Sturm um einen Mitgliederverein handelt, ist man als Funktionär auf die Gunst der Mitglieder angewiesen. Erledigt man seine Aufgaben gut, wird man wiedergewählt, falls nicht, wird man über kurz oder lang ausgesteuert. So einfach ist das.
Alex: Ich habe vor Thomas das Amt des Fanvertreters bekleidet. Nach einiger Zeit war es mir jedoch berufsbedingt nicht mehr möglich, die für dieses Amt nötigen Ressourcen bereitzustellen, um dieses so auszuüben, wie ich mir das vorgestellt habe. Mit dem Verein und der Kurve bin ich jedoch nach wie vor eng verbunden. Derzeit leite ich das Team von »SturmTifo.com«, ein Projekt der Fankurve des SK Sturm Graz, welches sich der Bilddokumentation der schwarz-weißen Fanaktivitäten verschrieben hat.
Wie kam es zur Installation eines Fanvertreters in den Vorstand?
Thomas: Ende 2006 ist der von Hannes Kartnig heruntergewirtschaftete Verein vom neuen Vorstand übernommen worden. Der neue Vorstand, welcher bereits vor der Übernahme den Kontakt zur Kurve gesucht hat, äußerte den Wunsch, jemanden aus dem Kreis der Fanklubs in die Vorstandsriege zu integrieren. Für uns Fangruppen lag es auf der Hand, dass Alex dieses Amt bekleiden wird, da er von uns am meisten zur Rettung des Vereins beigetragen hat. Als Alex sein Amt aus beruflichen Gründen niederlegte, verlautbarte der Vorstand gegenüber den Kurvenvertretern, die bisher zufriedenstellende Zusammenarbeit fortsetzen zu wollen. Vom kurveninternen Dirretivo wurde ich dann zum Nachfolger ernannt.
Wo liegen die Aufgabenbereiche des Fanvertreters und welche Anforderungen sind an die Amtsausführung gekoppelt?
Alex: Bei meinem Amtsantritt wurden mir eigentlich nahestehende Arbeitsbereiche zugewiesen. Diese haben sich jedoch im Zuge der Neuübernahme und der damit verbundenen Neustrukturierung des Vereins deutlich verschoben. Der Verein war ein Scherbenhaufen – dessen muss man sich stets bewusst sein. So standen im weiteren Verlauf meiner Tätigkeit ganz essenzielle Dinge wie die Sicherung des Spielbetriebs auf meiner Tagesordnung. Es waren keineswegs nur reine Fanthemen oder Aufgaben, die man mit etwas Erfahrung eins zu eins abdecken kann. Ein wirtschaftlicher Background, wie ihn Thomas und ich vorweisen können, ist zwar von Vorteil, jedoch nicht zwingend notwendig. Man muss in die Abläufe hineinwachsen, um sie nach und nach verstehen zu können. Verkürzt ausgedrückt: Es ist »learning by doing«. Entscheidend ist der Besitz eines gesunden Hausverstandes, aber vor allem absolute Identifikation mit dem Verein. Es geht um Sturm und um nichts anderes.
Diskutiert ihr vorstandsintern mit den übrigen Mitgliedern auf einer Augenhöhe oder gibt es hierarchische Abstufungen?
Thomas: Vorab ist zu sagen, dass niemand aus der aktuellen Vorstandsriege mit dem Ablauf des Vereinsgeschehens vertraut war. Alle Mitglieder des Vorstands sind neu in dieser Position. Deshalb wäre es sehr gewagt, wenn die angesprochenen Herren, hierzu zähle ich auch mich, nach zwei Jahren ihrer Tätigkeit behaupten würden, sie hätten das große Fußballgeschäft verstanden. Jeder von uns musste den Alltag des Vereinsgeschehens von Grund auf lernen. So gesehen sind Alex und ich als Kurvenvertreter nicht belächelt worden. Abstufungen gibt es dennoch. So gibt es beispielsweise jene vier Leute, die das Präsidium bilden. Dieses Quartett trägt natürlich mehr Verantwortung als der Fanvertreter, aber bei Vorstandssitzungen hat meine Stimme gleich viel Gewicht wie die aller anderen Vorstandsmitglieder.
Alex: Gerade in der kritischen Zeit nach dem Zwangsausgleich war es stets so, dass die wesentlichsten Entscheidungen wie diverse Transfers auch über meinen Tisch gegangen sind. Von Anfang an bestand eine auf gegenseitiger Wertschätzung basierende Kommunikationsbasis. Ich würde sogar so weit gehen und von einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen Kurvendirettivo und Vorstand sprechen. Es gibt zwar hierarchische Abstufungen, aber diese wirken sich nicht negativ auf den Vereinsalltag aus.
Zur Zeit der Kartnig-Herrschaft zählte die Meinung der Fans ja nicht gerade viel und dann ein derartiger Umbruch ...
Alex: Das Kartnig-Intermezzo war für uns eine einzigartige Möglichkeit für den Schritt in die richtige Richtung. Die Gruppe der Investoren aktivierte sich bei Sturm im Jahr 2006 hintergründig und versuchte die Basis des Vereins verstärkt ins Vereinsgeschehen einzubinden. Vonseiten der Investorengruppe wurde überhaupt erstmalig der Versuch unternommen, die Sichtweise der Basis kennenzulernen. Damals war klar, dass sich die Verantwortlichen an die großen Fangruppen wenden werden, da es sonst keine vergleichbaren Organisationen gegeben hätte, die als Ansprechpartner zur Verfügung gestanden wären. Weiters war über die Kurve hinlänglich bekannt, dass diese aktive Opposition gegen das Kartnig-Regime betrieb. Es kam eine Kooperation zustande, die ungefähr ein Jahr im Hintergrund gelaufen ist, bis schlussendlich die Wende zur Generalversammlung (Kartnig versuchte mittels Mitgliederstopp, Ausschluss kritischer Mitglieder, Verbot freier Meinungsäußerung im Stadion etc. seine uneingeschränkte Herrschaft innerhalb des Vereins zu wahren; Anm. d. Red.) geschafft wurde. Mit der Wende ging die offizielle Wahrnehmung meines Amtes im Vorstand einher.
Thomas: Wenn man verstehen will, wie es zu diesem Wandel gekommen ist, muss man sich die Geschehnisse der Vergangenheit vor Augen führen. Wir waren damals eine um Jahre jüngere Kurve und hatten mit Hannes Kartnig den idealen Gegenspieler. Kartnig hat auf uns Fangruppen herabgesehen und ließ uns mitteilen, dass wir vom Verein nicht gebraucht werden. In dieser Beziehung ist Erich Fuchs (ehemaliges Vorstandsmitglied; Anm. d. Red.) zu erwähnen, der quasi als Vermittler zwischen Kurve und Regimerepräsentanten in Erscheinung trat. Erich versuchte die Missstände innerhalb des Vereins auf Mitgliederebene aufzuzeigen, allerdings ist er nicht auf das Gehör gestoßen, welches es damals hätte geben müssen. Wir als Kurve waren die Ersten, die Hannes Kartnig öffentlich kritisierten. Zusammen mit Erich Fuchs haben wir eine Allianz gegen Kartnig gebildet und so ist es zur heutigen Konstellation gekommen.
Ist Sturm Graz der erste Verein, der einen Fanvertreter derart in die Vereinspolitik integriert hat, oder gibt es da Vorbilder, an denen man sich orientierte?
Alex: In dieser Hinsicht sind wir im deutschsprachigen Raum, um nicht zu sagen im europäischen Raum, einmalig. Ich kenne de facto kein anderes Beispiel in Form eines Vereins der höchsten Spielklasse, wo Vertreter der Kurve derart ins Vereinsgeschehen involviert sind, wie es bei Sturm der Fall ist. Diese Konstellation, wie wir sie in Graz haben, ist etwas Einzigartiges, worauf man stolz sein darf.
Thomas: Gewisse Parallelen sind für mich bei Austria Salzburg erkennbar, denn auch für die dortigen Fans ist es darum gegangen, plötzlich Verantwortung für einen Scherbenhaufen zu übernehmen – die Anhänger der Austria mussten den Verein sogar gänzlich neu aufbauen. Ich wünsche den Salzburgern auf jeden Fall weiterhin viel Erfolg. Vielleicht kommt es ja wieder mal zu einer Neuauflage des traditionsreichen Duells Austria Salzburg gegen Sturm Graz.
Thomas hat die Besonderheit der Duelle mit Austria Salzburg angesprochen. Weisen Spiele gegen Marketingkonstrukte wie Red Bull auch derartige Besonderheiten auf?
Alex: Hierbei muss man differenzieren. Bei Begegnungen zwischen Sturm und Austria Salzburg handelt es sich um die Rivalität zwischen den Fans zweier Traditionsvereine. Dahingegen reduziert sich die Rivalität bei Spielen gegen Red Bull auf die gegen ein Marketingkonstrukt gerichtete Abneigung. Anfangs waren Aufeinandertreffen mit Red Bull fast hassdurchtränkter als Spiele gegen Austria Salzburg, da dem traditionsbewussten Fußballfan idealtypisch vor Augen geführt wurde, wie schnell die Identität eines Fußballklubs einem internationalen Konzern zum Opfer fallen kann. Heute ähneln die Spiele gegen die »Dosentruppe« aus Salzburg jedoch Aufeinandertreffen mit anderen für uns bedeutungslosen Bundesliga-Vereinen. Die Emotionen haben sich gelegt und die Causa Red Bull ist leider zum akzeptierten Wahnsinn geworden.
Zurück zu Sturm. In sehr viele Bereiche (z.B. Sturmecho, Fanservice) des Vereinsgeschehens sind Leute aus der Kurve involviert. Worauf kann man das zum Großteil ehrenamtliche Engagement dieser Leute zurückführen?
Thomas: Bei den hier angesprochenen Personen handelt es sich großteils um langjährige Vereinsmitglieder, die seit jeher ihr Herzblut für den Verein einbringen. Im Endeffekt ist es die Leidenschaft für Sturm, die sich bei jedem anders ausprägt. Das ist das Schöne oder besser gesagt das Romantische an einem Mitgliederverein. Die einzelnen Mitglieder haben das Recht, um nicht zu sagen die Pflicht, sich individuell einzubringen. Schlussendlich ist man ja nicht Vereinsmitglied, um sich zu schmücken, sondern um aktiv mitgestalten zu können.
Alex: Dennoch ist die Zahl derer, die sich wirklich für den Verein engagieren, überschaubar. Ohne jetzt jemanden diskreditieren zu wollen: Wenn es um die Mannschaftsunterstützung in Form des Stadionbesuchs geht, ist die Sturmfamilie relativ groß und jeder ist mit vollstem Enthusiasmus dabei. Geht es jedoch um mehr, als ins Stadion zu gehen – hiermit meine ich, Zeit abseits des Spieltages für Sturm aufzubringen –, wäre es schon wünschenswert, wenn es mehr Engagement vonseiten der Mitglieder gäbe, denn schlussendlich lebt der Verein davon.
Würdet ihr Sturm als Idealbeispiel für gelungene Fanintegration beschreiben?
Thomas: Der Weg, der von uns beschritten wurde, ist interessant und vielversprechend. Ob er gelungen ist oder nicht, müssen andere beurteilen. Es gibt sicher Leute, die sagen, die »Wahnsinnigen hinter dem Tor« haben zu viel Mitspracherecht. Andere hingegen sind der Meinung, dass die Mitsprache nach wie vor zu gering ist.
Stichwort »Wahnsinnige hinter dem Tor«: Die Wahrnehmung der Fans durch den Verein hat sich doch stark verbessert. Früher wart ihr die unfügsamen Querulanten von den billigen Plätzen und heute rühmt sich der Verein mit den Aktivitäten seiner Kurve. Wie kam es dazu?
Alex: Ein Manko der Vergangenheit war, dass die Aktivitäten der Kurve nie gewürdigt wurden. Stattdessen pickte man sich radikale Elemente heraus und erzeugte eine negative, gegen uns gerichtete Stimmung. Das war damals auch relativ einfach, da wir ziemlich jung waren und Fehler begangen haben. Aber gerade diese Zeit der Krise und die von Kartnig und Co. unternommenen Kriminalisierungsversuche haben Gegenteiliges bewirkt. Die Kurve ist nicht zerbrochen, sondern gewachsen – auf jeden Fall was den kurveninternen Zusammenhalt anbelangt. Letztlich ist es gerade in dieser für uns sehr schwierigen Zeit oder besser gesagt gerade wegen dieser schwerfälligen Zeit mit dem Support bergauf gegangen. Mit gutem Support und der im Sommer 2005 kreierten Internetplattform »SturmTifo.com« ist es uns gelungen, einen größeren Bekanntheitsgrad zu erreichen und ein positives Image des Vereins zu vermitteln.
Mittlerweile ist innerhalb des Vereins erkannt worden, dass »Corporate Identity« von großer Bedeutung für das Identifikationspotenzial der Vereinsmitglieder und Fans ist. Dementsprechend gibt es Bemühungen, diesem Thema mehr Priorität beizumessen. Hierzu zählt beispielsweise die Würdigung des Supports, aber auch die Rückkehr der Fahne als Wappen. Die mit der vereinsintern herbeigeführten Wende beginnende Initiation dieser Prozesse erwies sich jedoch als mühsam, da diese letztendlich einen Kulturwandel gegenüber dem vorigen Regime bedeutet haben.
Warum sieht man im Jubiläumsjahr nicht die Wappen-Fahne ohne Puntigamer-Schriftzug, schmückt sich der Verein doch mit Slogans wie »Tradition und Emotion«?
Thomas: Für das neue Logo musste ich viel Kritik einstecken, obwohl es ist mir gelungen ist, die Rückkehr der jahrelang verbannten Fahne ohne Kartnig-Sujet zu bewerkstelligen. Natürlich hätte man erreichen können, dass Puntigamer aus dem Logo verschwindet, nur wäre dies mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden gewesen. Hinter dem gesamten Wappen-Prozess stecken langfristige Verträge, welche Puntigamer nun mal das festgeschriebene Recht einräumen, Bestandteil des Logos zu sein. Es ist keineswegs so, dass man mit Puntigamer nicht reden kann, aber man sollte bei aller Liebe und Verpflichtung zur Tradition dennoch erkennen, dass für das Unternehmen Puntigamer die Verfolgung der wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund steht und nicht die traditionsorientierte Außendarstellung von Sturm Graz.
Alex: Wichtig ist, dass ein Mittelweg beschritten wurde, der für alle Beteiligten akzeptabel ist. Die Bedeutung der zeitlichen Komponente beim Verfolgen eines derartigen Weges spiegelt sich in dem von mir initiierten Doppellogo wieder, wodurch die Fahne überhaupt zurück ins Spiel gebracht wurde. Langsam sind wir Schritt für Schritt dorthin gekommen, wo wir heute stehen und eines Tages wird es so weit sein, dass wir im Wappen sponsorenfrei sein werden.
Bis zu welchem Grad ist eurer Meinung Fanmitbestimmung sinnvoll? Blickt man über Österreichs Grenzen hinaus, so findet man doch einige Beispiele in Form von Vereinen, welche ihren Fans weitreichendes vereinsinternes Mitspracherecht eingeräumt haben und sich dadurch selbst in eine Art Handlungsunfähigkeit manövriert haben. Besteht die Gefahr, dass sich auch in Graz ein derartiges Szenario abzeichnet?
Thomas: In Anbetracht der aktuellen Begebenheiten sehe ich diese Gefahr bei uns nicht. Wir Fanklubs bringen zwar vereinsintern Themen zur Sprache, die für uns von Interesse sind, nie im Leben würden wir jedoch auf die Idee kommen, uns in finanzielle oder sportliche Belange einzumischen. Für derartige Unterfangen sind wir vermutlich allesamt zu seriös, und abgesehen davon glaube ich auch, dass sich weder ein Christian Jauk noch ein Hans Rinner von irgendjemandem unter Druck setzen lassen würden. Seit jeher haben wir als Fanklubs kein Geld oder ähnliche Unterstützung vom Verein entgegengenommen. Wir sind unabhängig und wollen auch unabhängig bleiben. Das war auch unsere einzige Möglichkeit, derart massiv gegen Hannes Kartnig aufzutreten. Sollte wieder einmal etwas schieflaufen und wir wären in irgendeiner Weise unkorrekt in den Verein verstrickt – wer würde uns dann glauben? Woher würden wir dann das Recht auf Kritik nehmen? Wir müssten dann gegen Teile von uns selbst vorgehen. Wir stecken unser Herzblut in den Verein, aber wir sind autark.
Gibt es in Österreich zuweilen Versuche der vereins- bzw. kurvenübergreifenden Fanzusammenarbeit (z.B. »Die Kurve gehört uns«, Fanprojekte etc.)?
Thomas: Aktuell gibt es Versuche seitens der Bundesliga bzw. des Österreichischen Fußballbundes Fanprojekte nach deutschem Vorbild ins Leben zu rufen. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise Austria Wien an uns herangetreten, da Sturm auch lange in Erwägung gezogen hat, ein derartiges Projekt zu initiieren. Diesbezüglich gab es Kontakte zwischen den Vereinen, aber von einer »Verbandelung« der beiden Kurven kann man nicht sprechen. Diese Versuche der vereinsübergreifenden Zusammenarbeit kann man sich als Zweckgemeinschaften vorstellen, deren Ziel das Lukrieren von Förderungen zur Finanzierung derartiger Projekte darstellt.
Alex: Ein Problem in Österreich ist sicherlich, dass es für eine vereinsübergreifende Fanzusammenarbeit zu wenig ernst zu nehmende Kurven gibt. Abgesehen davon spielen sich fankulturelle Belange in Österreich in einem sehr regionalen Kontext ab, womit gemeint sein soll, dass jede Kurve damit beschäftigt ist, ihre eigene Situation zu meistern. Für eine kurvenübergreifende Zusammenarbeit sehe ich in Österreich auch nicht die Probleme, die dies erfordern würden. »Die Kurve gehört uns« ist für mich auf jeden Fall ein Beispiel, wo man sagen muss, so sollte es gerade nicht laufen.
Momentan ist die von »11 Freunde« losgetretene Ultradebatte in aller Munde. Ultragruppierungen werden mit Vorwürfen der Selbstinszenierung, bewusster Etablierung einer fankulturellen Zweiklassengesellschaft und Monotonie (»gut gedrillter Männerchor«) konfrontiert. Wie steht ihr zu diesen Anschuldigungen bzw. findet man diese der Ultrakultur negativ angekreideten Tendenzen auch bei Sturm Graz vor?
Alex: Vorab ist in diesem Zusammenhang zu sagen, dass diese Debatte aus Deutschland kommt, wo es lange Zeit andere Formen der Fankultur gegeben hat, ehe die Ultra-Kultur sukzessiven Einzug in die Stadienlandschaft hielt. Ein Generationswechsel unter den Stadienbesuchern einhergehend mit einem fankulturellen Wandel und einer gewaltigen Repressionswelle hat diese Debatte entfacht. Diese Konstellation gibt es in Österreich nicht. Bezug nehmend auf die Freiheit der Fans stellt Österreich im Vergleich zu Deutschland sowieso eine Insel der Seligen dar und Graz steht wahrscheinlich noch eine Stufe drüber. Was die Fanszene sowie die einzelnen Fangruppen des SK Sturm im Speziellen auszeichnet, ist, dass wir uns nie als »Ultras«, was auch immer dieser Begriff genau bedeuten mag, oder als anderer Typus Fan verkauft haben. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund, warum bei Sturm mittlerweile ein derart hoher Identifikationsgrad von der Kurve ausgeht. Als Beispiel hierfür braucht man nur die jüngsten Fangesänge heranziehen – diese sind voll etabliert und werden von allen Stadienbesuchern mit gleicher Leidenschaft vorgetragen und nicht nur von 500 »Hanseln« hinter dem Tor. Somit kann bei uns von einer Zweiklassengesellschaft nicht die Rede sein, im Gegenteil, das Ganze breitet sich immer weiter aus.
Thomas: Auch der Vorwurf des gut gedrillten, zur Selbstinszenierung neigenden Männerchors ist bei uns nicht zulässig. Wenn unsere Mannschaft nicht den nötigen Kampfgeist und Einsatz an den Tag legt, wird auch der Support entsprechend kritisch. Dies konnte man in den letzten Spielen eigentlich ganz gut erkennen. Andererseits gehen wir aber auch auf Stadionbesucher zu, die Plätze in der Fankurve einnehmen und sich nicht am Support beteiligen. Es wird niemand tätlich angegriffen oder der Kurve verwiesen, aber man versucht die Leute zum Nachdenken anzuregen, ob die Kurve der geeignete Ort für ihr Stadionverhalten ist. Schlussendlich ist unsere Fankurve bei fast jedem Spiel ausverkauft, und diese Klientel nimmt anderen Supportwilligen die Möglichkeit des aktiven Beiwohnens. Dies hat keineswegs etwas damit zu tun, dass wir Stadionbesucher, die sich nicht 90 Minuten lang die Seele aus dem Leib schreien, als »charakterschwache« Fans einstufen oder wir uns gar als einzig wahre Fans betrachten. Hinsichtlich des Vorwurfs der Blasiertheit gegenüber Ultragruppen oder ultranahen Gruppierungen ist zu sagen, dass ein gewisses Ausmaß an elitärem und zum Teil autoritärem Auftreten seitens der Fanklubs notwendig ist, um gewisse Auswüchse (Rassismus oder auch die bei uns relativ lang andauernde Böller-Problematik) zu unterbinden. Im Vordergrund steht jedoch klar die Erzeugung von fankurvenübergreifendem Kollektivbewusstsein.
Zitiert
»Was die Fanszene sowie die einzelnen Fangruppen des SK Sturm im Speziellen auszeichnet ist, dass wir uns nie als »Ultras«, was auch immer dieser Begriff genau bedeuten mag, oder als anderer Typus Fan verkauft haben.«
Alex StanglAlexander Stangl
Der 31-Jährige besuchte im Alter von acht Jahren sein erstes Sturmspiel – ein Grazer Derby, ausgetragen im Casino-Stadion, der ehemaligen Heimstätte des GAK. Ballestrisch sozialisiert wurde Alex durch sein gesamtes Umfeld – er wuchs im Grazer Stadtbezirk Jakomini auf und ging dort in die Schule. So gesehen wurden bei ihm die Weichen bereits im Kindergartenalter auf »Sturm« gestellt.
Thomas Strohmeier
Thomas wurde von seinem Vater, einem bekennenden Rapidler, erstmals 1987 im Alter von acht Jahren zum Spiel Sturm gegen VOEST Linz in die Gruabn mitgenommen. Er beschreibt diese Begegnung als Liebe auf den ersten Blick, die bis heute andauert.
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