Ressort
Job Description
Erstellt
05.03.2009, 20:03
Autor
Joachim Techt

John Hendriks: Rollrasenhersteller

540 Tonnen Gras: Die Tage, in denen der Platzwart im Frühjahr mit einem Beutel Grassamen auf das Spielfeld ausrückte, sind gezählt. In den meisten modernen Stadien setzt man auf die Verlegung von Rollrasen. John Hendriks leitet ein darauf spezialisiertes Unternehmen in den Niederlanden.


Im Südwesten Eindhovens erstreckt sich bei der kleinen Ortschaft Heythuysen über 370 Hektar eine grüne, saftige Wiese. Das scheint nun nichts Besonderes zu sein, wüsste man nicht, dass es sich hierbei um Ackerland handelt. Im Jahr 1975 übernahm der damals 21-jährige John Hendriks den elterlichen Agrarbetrieb und stellte auf den Anbau von Fertigrasen um. Seither wird hier Rasen gezüchtet, in Bahnen geschnitten und aufgerollt, um dann in Gärten, Parkanlagen, aber auch in Fußballstadien ausgelegt zu werden.
Nach dem allmorgendlichen Spaziergang über die weitläufigen Versuchs- und Anbauflächen begibt sich Hendriks in sein Büro. Dort leitet er als Direktor die Geschicke und insgesamt 40 Mitarbeiter der »Hendriks Graszoden Groep«. In weit über 70 Fußballstadien gedeiht grünes Geläuf, das hier gesät wurde. Das San Siro in Mailand, das Stade de France und die Münchner Allianz-Arena sind vielleicht die eindrucksvollsten Adressen in Hendriks Kundenkartei.

Von Aufzucht und Hege
Bevor diese Fußballtempel in neuem, sattem Grün erstrahlen können, ist einiges an Arbeit nötig. Den Beginn macht die Wahl der richtigen Sortenmischung. Die Erfahrung zeigt, dass deutsches Weidelgras und die Wiesenrispe Fußballschuhen am längsten trotzen – die genaue Zusammensetzung des Rasens ist jedoch geheim. Auch regionale Schädlingsvorkommnisse, aber vor allem klimatische Bedingungen des Bestimmungsorts werden berücksichtigt: Das milde Seeklima Lissabons und extreme Kälteunterschiede in Moskau stellen gänzlich andere Anforderungen an die Pflanzen.
Nach etwa einem Jahr der Rasenpflege, in dem gemäht, gedüngt und beregnet wird, kann geerntet werden. Der durch ein Geflecht zusammengehaltene Rasen wird vom Boden geschält und in bis zu zweieinhalb Meter breiten Bahnen aufgerollt. Spezialmaschinen, die in der betriebseigenen Werkstatt entwickelt wurden, können in sechs Stunden die für ein Fußballfeld benötigte Fläche von 9.000 Quadratmeter in kompakte Rollen verwandeln. Da die Grasnarben in aufgerolltem Zustand nur wenige Tage überleben können, gilt es nun schnell zu sein. Zu weit entfernten Destinationen, wie etwa das Nationalstadion im usbekischen Taschkent, wird die 540-Tonnen-Fracht daher nicht mit Tiefladern, sondern in Cargoflugzeugen transportiert.

Gleich wird’s grün!
Auch vor Ort drückt Hendriks’ zehnköpfiges Verlegungsteam weiter ordentlich aufs Tempo, um die intensive Nutzung dieser Multifunktionsarenen nicht zu beeinträchtigen. Der alte Rasen wird weggefräst und eine völlig ebene Sandschicht aufgetragen. Dann werden die 15 Meter langen Bahnen ausgerollt. Insgesamt vergehen weniger als 48 Stunden, bis zur kompletten Fertigstellung eines Spielfeldes. John Hendriks ist meist selbst vor Ort und nimmt die Grünfläche ab. Unmittelbar danach ist diese voll belastbar und kann sofort »sliding tacklings« ausgesetzt werden.
Um den Rasen möglichst lange in optimalem Zustand zu halten, werden die »Greenkeeper« der Klubs nach Heythuysen eingeladen, um in Sachen Rasenpflege geschult zu werden. Moderne Stadien bieten dem Gras aufgrund ihrer Architektur oft mangelhafte Belüftung und nur wenig Licht – einiges an Know-how ist nötig, um die grünen Halme dennoch bei Laune zu halten.

Des Weltmeisters Wiese
Das Meisterstück gelang, wie John Hendriks stolz erzählt, im Jahr 2006. Neun der zwölf Stadien der WM-Endrunde in Deutschland, darunter das Finalstadion in Berlin, wurden im Vorfeld von seinem Unternehmen begrünt. Somit konnte er live erleben, wie seine Arbeit in zahlreichen Matches eine – wörtlich – tragende Rolle spielte. Doch auch vor dem Fernsehschirm beobachtet Hendriks Woche für Woche Zustand und Beständigkeit »seiner« Spielfelder. Das Angenehme mit dem Notwendigen verbinden »at it’s best«, meint da wohl nicht nur Hendriks … Obwohl er selbst dem runden Leder nie hinterher jagte, verbindet ihn doch einiges mit den Stars seines Lieblingsklubs Real Madrid: Wenn John Hendriks die Terrassentür seines Hauses öffnet und in den Garten geht, fühlt er sich wie Iker Casillas – wandelt er doch auf dem exakt gleichen Rasen, den er auch im Estadio Santiago Bernabeu verlegen ließ.
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»Die Erfahrung zeigt, dass deutsches Weidelgras und die Wiesenrispe Fußballschuhen am längsten trotzen – die genaue Zusammensetzung des Rasens ist jedoch geheim.«

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