Ressort
The bad Four
Erstellt
05.04.2009, 12:22
Text
Martin Fetz
Christian Popken
Foto
Kramar

Back to School again

Die »Null Acht«-Equipe, die den Zenit ihrer fußballerischen Leistungsfähigkeit nie ganz erreicht hat, stellte sich einer neuen Trainingsmethode für Kinder und Jugendliche – Thekenkicker am Limit.


Inmitten der Meidlinger Skyline thront das alte Kabelwerk andächtig neben dem Kunstrasenplatz des SC Wiener Viktoria Sun Company. An diesem Novembermorgen hängt der Himmel grau in grau über den Köpfen der vier »Null Acht«-Autoren, die, nach hastigem Umziehen, Flanken und Torschüsse mehr oder minder platziert über das Feld hämmern. Niemand würde das Treiben der Kollegen für ein neuartiges Nachwuchstrainingsprogramm halten, das seit 2004 unter dem Begriff »teco7« firmiert. »Das ist schon mal völlig verkehrt«, tadelt Bernhard Bresich und klärt über die Wichtigkeit des Aufwärmens auf. Bresich, ein bekannter Ball-Artist und der geistige Vater von teco7, zwang sein Verletzungspech, die viel versprechende Fußballerkarriere im Alter von 21 Jahren aufzugeben. Die Liebe zum runden Leder aber blieb ungebrochen und schlug neue Wege ein.
So richtig begonnen hat alles damit, dass sich der Burgenländer aufgrund seiner Verletzung immer intensiver mit dem Ball beschäftigte, und die dabei erworbenen Erkenntnisse in Notizen festhielt. So wurde die Anzahl der festgehaltenen Übungen immer größer. Seine Triebfeder war aber weniger die Kritik an der österreichischen Nachwuchsarbeit, sondern vielmehr sein permanenter Umgang mit Fußball spielenden Kindern und Jugendlichen. Insbesondere die EM 2002 in Holland und Belgien ist für Bresich ein Schlüsselerlebnis gewesen. Die Kinder spielten dort auf den Straßen und zeigten verschiedenste Tricks. »Das war für mich der eigentliche Anstoß, mit Kindern etwas zu machen, sie zu motivieren, sich richtig mit dem Ball zu beschäftigen.« Gemeinsam mit seinem Cousin und Geschäftspartner Sebastian Udulutsch ging es im nächsten Arbeitsschritt an die Umsetzung und Strukturierung der Notizen, daraus entstand die teco7-Methode.

Verstehen Sie teco?
Der recht enigmatische Begriff »teco7« kursiert seit cirka 2004 in der österreichischen Fußballszene. Dieser Code ist jedoch recht einfach zu dechiffrieren: »te« steht für Technik, »co« für Koordination und die Zahl Sieben bezieht sich auf die Anzahl der Trainingsschwerpunkte, die diese recht neue Methode umfasst. Mit dem neuen Trainingsprogramm im Gepäck wurden zahlreiche Camps für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Von ihrer eigenen Trainingsmethode überzeugt und vom positiven Feedback der Kinder und Trainer unterstützt, setzten die zwei Burgenländer den nächsten Schritt in Richtung Professionalisierung. Durch die ausgezeichneten Kontakte von Udulutsch zur Universität Graz ergab sich die Möglichkeit einer von der Europäischen Union mitfinanzierten wissenschaftlichen Studie, mit der der Beweis erbracht werden sollte, dass sich die teco7-Methode und ihre Auswirkungen auf den Nachwuchsfußballer von herkömmlichen Trainingsmethoden und deren Ergebnissen positiv unterscheiden. Die Studienergebnisse aus dem Jahre 2006 erfüllten die Erwartungen der Burgenländer. Es konnte bewiesen werden, dass die Kinder und Jugendlichen der teco7-Trainingsgruppe einen signifikant höheren Lernerfolg verbuchen konnten als jene der Referenzgruppe. Als logische Konsequenz wurden die Kontakte mit der Universität Graz weiter intensiviert. Der nächste Schritt war die Erstellung eines umfangreichen Nachwuchsprogramms mit Unterstützung von Sportwissenschaftlern und Pädagogen. Diese Entwicklungsarbeit führte dann – entgegen der ursprünglichen Intention von Bresich und Udulutsch – zur Gründung des Instituts für Trainingswissenschaften (ITW). »Es war eigentlich nie das Ziel, eine Trainingsmethode zu entwerfen, die dann in ganz Österreich in den Vereinen eingesetzt werden kann. Durch den sportwissenschaftlichen Input sind wir aber professioneller geworden«, so ein sichtlich stolzer Udulutsch.
Bei der teco7-Methode steht nicht nur die Verbesserung der fußballerischen Fähigkeiten im Vordergrund, sondern auch der allgemeinen motorischen Fähigkeiten. Laut Bresich wirkt sich das teco7-Training positiv auf verschiedenste Faktoren, wie Körperhaltung und Konzentrationsfähigkeit, aus. Diesen nicht zwingend als revolutionär zu bezeichnenden Anspruch stellen auch einige andere Fußballschulen, wie das Coerver-Coaching oder die von Jürgen Klopp und Harald Schumacher initiierte »Deutsche Fussballschule«, mit der es nach Bresich eine enge Kooperation gibt.

Fußballspieler und Vorzeigeschüler
»Ein ganz wichtiger Punkt, den wir den Eltern immer mitteilen: Es geht nicht nur ums Fußballspielen oder darum, dass die Kleinen irgendwann im Nationalteam auflaufen, sondern es spielen ganz viele positive Gesundheitsaspekte mit«, erklärt Udulutsch. »Es geht auch darum, dass Kinder ihren normalen Alltag, beispielsweise die Schule, besser in den Griff bekommen.«
Daher wird auch der Zeigefinger erhoben, wenn es um die Freizeitgestaltung der Jugend geht. Immer mehr Computer und immer weniger Natur würden laut den zwei Burgenländern zu einer immer schlechteren Grundsubstanz der Jugendlichen führen, auch wenn zahlreiche Studien Gegenteiliges belegen: »Stadtkinder« haben nicht zwingend schlechtere koordinative Fähigkeiten als das klassische »Landkind«. Das Alter und die Sozialisierung der Kinder spielen eine wichtigere Rolle, als die Kritik an der Freizeitgestaltung der Jugend weismachen will.
Das Training von teco7 ist für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sechs und 16 Jahre abgestimmt. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl von Übungen mit unterschiedlichsten Schwierigkeitsstufen. Mittlerweile befinden sich über 100 Aufgaben in der Datenbank, die in naher Zukunft in Form eines Buchs veröffentlicht werden. Das teco7-Trainingsbuch stellt allerdings keine Bibel dar, so das Gespann. Vielmehr ist das Handbuch nur ein Teil der Trainingsvision, »weil das Buch alleine noch nicht die Gewährleistung dafür ist, dass richtig trainiert wird oder so trainiert wird, wie wir es wünschen«, so Udulutsch. Die tatsächliche Arbeit ist in den Köpfen der Nachwuchstrainer und der Eltern zu leisten. Daher werden mit der Veröffentlichung des Buches Seminare angeboten, die Bewusstsein für die teco7-Trainingsphilosophie schaffen sollen. Bei eisigen Temperaturen Platzrunden zu drehen oder achtjährigen Buben die taktischen Raffinessen einer Viererkette einzutrichtern, solle demnach der Vergangenheit angehören. »Das Kind muss auch immer Spaß dabei haben, sonst kann man alles vergessen«, trifft es Bresich passend. Das erklärt auch den gewagten Spagat der ITW-Homepage, deren Melange aus Wissenschaft und Zirkusnummer zunächst Irritationen weckt.
Mittlerweile hat die Thekentruppe des »Null Acht«-Magazins die ersten Übungen in Angriff genommen. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Habitus der koordinativen Schleife von Zigaretten- und Bierzufuhr werden sich in Zweiergrüppchen Jonglierbälle zugeworfen. Erschwerend kommt für die rostige Motorik der Probanden hinzu, dass viele Bewegungen simultan durchgeführt werden müssen. Am Ende stehen sich die Vier einbeinig wie Fackeln im Sturm gegenüber und versuchen durch das angewinkelte Bein mit dem einen Arm den Ball zum Partner zu werfen, während der andere Arm ständige Kreisbewegungen durchführt. Das klingt nicht nur kompliziert. Die abschließende Einheit stellt eine Übung aus dem teco Chi dar. Ziel ist es, mit verbundenen Augen den Ball durch drei Hütchen zu führen, die auf einer Gerade mit rund einem Meter Abstand zueinander stehen. Zusätzlich muss die »Blinde Kuh« den Parcours nach eigenem Ermessen für beendet erklären. Das Gelächter bricht alle Dämme, als sich Kollege Pucher, stilsicher im Retro-Schick der ÖFB-Auswahl, acht Meter abseits der Ideallinie die Binde vom Kopf reißt.

Nur gemeinsam sind wir stark
Gerade dem Nachwuchsprogramm des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) attestieren die beiden Visionäre, denen es nicht um Konkurrenz mit dem nationalen Verband geht, sondern vielmehr um bereits mehrfach stattgefundene Kooperationen, fundamentale Schwächen. Im Gegensatz zu teco7, das sich an die breite Masse richtet und versucht »kleine und kleinste Vereine« zu erreichen, begünstigt die elitäre Nachwuchsförderung des ÖFB lediglich eine handverlesene Auswahl. Der ÖFB-Nachwuchschef Willi Ruttensteiner spricht in diesem Zusammenhang von einer »Spitzenförderung«. Am Beispiel des Österreichischen Skiverbands wird die Effektivität einer Breitenförderung deutlich.
Bresich und Udulutsch sehen gerade bei Kindern im Alter zwischen sieben und 14 Jahre das Schlüsselmoment, um grundlegende fußballerische Fähigkeiten wie Ballannahme, Abspiel und Ballmitnahme zu festigen. Der Erfolg solcher Grundlagenarbeit kann in ausländischen Ligen bestaunt werden. In der spanischen Primera División oder der italienischen Serie A »wird der hohe Pass einfach mitgenommen, da gibt es überhaupt kein Nachdenken bei der Ballannahme«, pointiert Udulutsch. Die austriakischen Kicker benötigten dafür zehn bis 15 Laufmeter, was wiederum zu einer allgemeinen Verlangsamung des Spiels führe.
Den vier »Null Acht«-Ballesterern steht der Schweiß sichtlich auf der Stirn. Neben Geschicklichkeit und Gleichgewicht waren koordinativ-motorische Aufgaben Teil des 60-minütigen Testtrainings. Erstaunt über den aufwendigen Soccer Reaction Test (SRT) am Laptop, stellte sich die Frage der Finanzierbarkeit eines zehnmonatigen Trainingsplans für kleine Vereine: »20 Cent pro Kind pro Stunde.«
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Teco7 (Foto: Kramar)
Info
Die sieben Schwerpunkte von teco7
Die teco7-Methode konzentriert sich in sieben Schwerpunkten (Motorik, Lauf- und Sprungschule, Balltechnik, Jonglieren, Schusstechnik, Spielformen, Mentaltraining) auf sportmotorische und koordinative Fähigkeiten, spezifische Techniken und die Erweiterung des Bewegungspotenzials.
Weblink: http://www.teco7.com
Info
Coerver-Coaching
Gegründet vom ehemaligen holländischen Fußballprofi­ Wiel Coerver. Das Coerver-Coaching ist die weltweit bekannteste Fußballnachwuchs-Trainingsmethode, sie wird unter anderem in den Nachwuchsschulen von Ajax Amsterdam und Manchester United praktiziert. Die Entwicklung der individuellen Fertigkeiten ist der wichtigste Teil im Lernprozess nach Coerver. Die Methode ist auf Offensivfußball ausgelegt.

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