
Der extravagante Stoiker
Emotionale Selbstbeherrschung, Gelassenheit und Intelligenz machten Carlos Valderrama zu einem der besten südamerikanischen Mittelfeldspieler aller Zeiten. Sein Markenzeichen, der goldene Afro, symbolisiert Fußballerfolg und Ballkultur auf höchstem Niveau. Kolumbiens größtes Idol im Portrait.
Mehr als das fußballerische Schaffen Carlos Valderramas, ist vielen wohl sein einzigartiges Äußeres in Erinnerung geblieben. Sein Afro aus goldblonden Korkenzieherlocken, sein Schnurrbart, die nur selten hoch gezogenen Strümpfe, das zumeist über der Hose getragene Trikot sowie die mit einer Vielzahl von Bändern geschmückten Arme ließen mehr auf ein Dasein als Surfer oder Reggaemusiker schließen, als auf einen Fußballer. Nicht zuletzt seiner Optik wegen (ihm zu Ehren führte die FIFA Strafen für unkorrekte Kleidungsweisen ein) wurde Valderrama international gerne mit dem Etikett des Freaks versehen. Doch genau das war er nie.
Er ist verheiratet und Vater von sieben Kindern. Trotz Erfolg und wachsender Popularität blieb er immer der nette, starallürenfreie Junge von Nebenan und im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen (darunter auch Kultkeeper René Higuita) gelang es ihm, den Lockrufen der für Kolumbien typischen Allianz aus Fußball und Drogen zu widerstehen. Er stand stets auf der richtigen Seite. So auch 1997, als er die von Maradona, Cantona und Weah gegründete AIFP (Asociación Internacional de Futbolistas Profesionales) unterstützte, mit welcher ein klar antirassistisch positioniertes Gegengewicht zur Omnipotenz der FIFA ins Leben gerufen wurde. Ebenso förderte er die Gewerkschaftsbewegung kolumbianischer Fußballer.
Haftstrafe als Initialzündung
Einer regelrechten Fußballerdynastie entstammend, infizierte sich Valderrama bereits kurz nach seiner Geburt mit dem unheilbaren Fußballvirus. Er war in seiner Kindheit regelmäßiger Gast bei den Trainingseinheiten seines im Dienste von Unión Magdalena (Santa Marta) stehenden Vaters. Auf einen dieser Besuche geht sein heute noch allseits bekannter Spitzname »El Pibe« (das Bübchen/der Junge) zurück, den der kleine Carlos vom damaligen Unión-Trainer Ruben Deibe verpasst bekam. Nach bestandener Matura betrat Valderrama schließlich selbst die professionelle Fußballbühne.
Sein Debüt 1980 bei Unión Magdalena verlief allerdings alles andere als glatt, da die Vertragsunterzeichnung mit einer Haftstrafe wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt einherging. Ein derartiges Vergehen (das Bübchen streckte im Rahmen einer Verkehrskontrolle einen handgreiflich werdenden Beamten zu Boden) wurde im Normalfall mit einem mehrjährigen Freiheitsentzug sanktioniert. »El Pibe« wurde jedoch aufgrund guter Führung, seines Status als verheißungsvolle Nachwuchshoffnung des lokalen Fußballklubs und des engagierten Einsatzes einiger ihm nahe stehender Personen vorzeitig entlassen. Für das in seine Person gesetzte Vertrauen bedankte er sich mit herausragenden Leistungen auf dem grünen Rasen.
Zwei kolumbianische Meistertitel, ein Gewinn des Coupe de France, ein Einzug ins Viertelfinale des Europacups und ein MLS Supporters Shield (Auszeichnung für die beste Mannschaft der amerikanischen Fußballliga MLS) stehen Valderramas Erfolgskonto auf Mannschaftsebene zu Buche. Individuell wurde er zweimal als Südamerikas Fußballer des Jahres ausgezeichnet, einmal zum wertvollsten Spieler der MLS ernannt sowie in die MLS All-Time Best XI (ewige Elf der Besten) einberufen.
Theatralische Hochkultur
Seinen größten Erfolg feierte »El Pibe« bei der Weltmeisterschaft 1990 mit den »Cafeteros«, der kolumbianischen Nationalmannschaft. Er dirigierte den Underdog aus Kolumbien im Spiel gegen Deutschland in letzter Minute ins Achtelfinale und sicherte seinem Land den bisher größten Triumph der Fußballgeschichte. Mehr noch als seine mustergültige Vorlage zu Freddy Rincóns aufstiegssicherndem Ausgleichstreffer in der 92. Minute, blieb der Fußballwelt wohl Valderramas hollywoodreife Performance als sterbender Schwan in Erinnerung. Valderrama geht nach einem unspektakulären Zweikampf theatralisch zu Boden, krümmt sich vor »Schmerzen«, lässt sich vom Platz tragen, um nur wenig später blitzgenesen und quickfidel zurückzukehren. Die Weltpresse krönte ihn daraufhin zum König der Simulanten und der FIFA lieferte Valderramas Schwalbe Anlass dazu, eine neue, bis heute gültige Regel einzuführen: an der Seitenlinie behandelte Spieler dürfen erst wieder ins Spielgeschehen eingreifen, wenn ihnen vom Schiedsrichter die Erlaubnis erteilt wird. Im exotischen Achtelfinalduell gegen Kamerun kannte Roger Milla, »El Pibes« Teamkollege bei Montpellier, keine Gnade und schoss die »Cafeteros« in der Verlängerung aus dem Turnier.
Kolumbien qualifizierte sich unter der Führung des Bübchens auch für die Weltmeisterschaften 1994 bzw. 1998, konnte allerdings nicht an den Erfolg von 1990 anknüpfen. Mäßige Leistungen führten zum jeweiligen Aus in der Vorrunde. Im Anschluss an die WM 98 trat »El Pibe« aus der Nationalmannschaft zurück. Seit dem Abdanken von König Carlos nahmen die Kolumbianer an keiner Weltmeisterschaft mehr teil.
Intelligenz. Seine Waffe.
Auf dem Platz überzeugte das Bübchen nicht durch kaltschnäuzige Torjägerqualitäten (so wurde er zu Zeiten Zicos und Maradonas zweimal Südamerikas Fußballer des Jahres ohne ein einziges Tor erzielt zu haben), sondern vielmehr als Vorbereiter und strategischer Kopf des Mannschaftsspiels, der durch perfekte Technik, mannschaftsdienliche Übersicht und millimetergenaue Distanzpässe Fußballherzen höher schlagen ließ. Für César Luis Menotti ist »El Pibe« ein »Zauberkünstler der Intelligenz, der die Position seiner Mitspieler kennt, ohne sie anzusehen und der ihnen den Ball übergibt, als würde er ihn ihnen in die Hand legen«. Die ihm nachgesagte Lauffaulheit und mangelnde Spritzigkeit kompensierte er durch Genauigkeit und Effizienz. »So lange der Ball schneller unterwegs ist als der Mensch, verläuft die Geschwindigkeit über die Intelligenz«, setzt Menotti »El Pibes« Kritikern entgegen. In der Geschichte des Fußballs gab es wohl keinen Zweiten, welcher so gemütlich und geruhsam über den grünen Rasen schlenderte, dennoch überall zu finden war, wo er benötigt wurde und seine Gegenspieler und häufig auch seine Mannschaftskollegen mit genialen Spielzügen in perplexe Zustände versetzte.
Bedeutender als Bolívar …
2004 beendete Valderrama seine aktive Fußballkarriere. Sein Abschiedsspiel »Freunde aus Kolumbien« gegen »Freunde der Welt« (u.a. mit Zamorano, Francescoli und Cantona – Maradona verfolgte das Spiel entzugsbedingt von der Tribüne. »Nicht zu kommen wäre Verrat«, meinte er.) wurde in 34 Ländern übertragen. In seiner Heimat Santa Marta errichtete man eine neun Meter hohe Valderrama-Statue, welche mittlerweile dem Simón Bolívar-Denkmal im Stadtzentrum den Rang als Touristenattraktion abgelaufen hat. Zudem wurde ihm für sein Leben auf und abseits des grünen Rasens das Ehrendoktorat der Universität Magdalena verliehen.
Heute ist Valderrama Trainer. In Erscheinung trat er hierbei bis dato nicht durch große Erfolge, sondern durch indirekte Bestechungsvorwürfe. Er wedelte einem Schiedsrichter mit einem Geldschein entgegen und fasste prompt eine 10-Spiele-Sperre und eine saftige Geldstrafe aus. Bleibt zu hoffen, dass »El Pibe« einmal das Traineramt der kolumbianischen Nationalmannschaft übernehmen darf und es ihm und seinen »Cafeteros« gelingt, der Fußballwelt erneut Sensationen zu bescheren.
Zitiert
»Ein Zauberkünstler der Intelligenz, der die Position seiner Mitspieler kennt, ohne sie anzusehen und der ihnen den Ball übergibt, als würde er ihn ihnen in die Hand legen.«
César Luis MenottiCarlos Alberto Valderrama Palacio
Er wurde am 2.9.1961 als fünftes von zehn Geschwistern in Santa Marta, der an der Karibikküste gelegenen Hauptstadt des Departamento del Magdalena, geboren. Seine Fußballkarriere begann er 1980 bei Unión Magdalena, wechselte dann zu Millonarios Bogotá bzw. Deportivo Cali, ehe er sein Glück in Europa bei Montpellier Hérault FC und Real Valladolid versuchte. Darauf folgten Heimatengagements bei Independiente Medellín und Atletico Junior Barranquilla und zu Karriereende ein mehrjähriges Gastspiel in der neu gegründeten amerikanischen Major League Soccer MLS (Tampa Bay Mutiny, Miami Fusion, Colorado Rapids). Für die kolumbianische Nationalmannschaft bestritt er 111 Spiele und erzielte dabei elf Tore.
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