Mit Händen und Füßen
Seine Karriere beendete der Tormann José Luis Chilavert 2004 standesgemäß mit seinem 63. Torerfolg. Ohne falsche Bescheidenheit meint der Exzentriker, das Image der Torhüter nachhaltig verändert zu haben: »Nun sind wir nicht mehr die Deppen des Spiels, nur in unserem Tor wartend und bei jedem Fehler hart kritisiert. Wir können das Spiel selbst entscheiden.« Doch nur den Fußball zu ändern, ist ihm lange nicht genug …
Im Stil eines Neuropsychologen stellte Ernst Happel dem Typus Goalie folgende Diagnose: »Wennst samt Großhirn und Kleinhirn zwischen den Stangerln herumfliegst, hast an Schadn«. Unmissverständlich drückte »Doktor Aschyl« das aus, was schon längst landläufige Meinung ist: Torhüter sind irgendwie anders! Nicht nur durch die Trikotfarbe und besondere regeltechnische Befugnisse vom Rest der Mannschaft separiert, nehmen Keeper auch im Mannschaftsgefüge oft eine ganz besondere Rolle ein. Alleine trainieren sie sich hünenhafte Fitness an, brüllen wie in hypnotischer Ekstase Vorderleute an, um kurz darauf und Kopf voran heranstürmenden Beinen furchtlos entgegenzuhechten. Diese Egomanen machen wie besessen das, was der neutrale Fan oft wenig schätzt: Tore verhindern.
Die Paraguayer Tormannlegende José Luis Chilavert ist ein Paradebeispiel dieses Typus. Schon seine äußere Erscheinung erinnert an Besucher des verruchten »Titty Twister« in Rodriguez’ »From Dusk Till Dawn«. Menschlich eckte Chilavert an, wo es nur ging, und schloss so auch mehrmals enge Bekanntschaft mit der Justiz. Dennoch wird er in Paraguay, wo er zwischen 1989 und 2003 74 Mal das Einser-Leiberl und später auch die Kapitänsschleife der »Albirroja« trug, als Volksheld gefeiert. Allen Gegenspielern galt er als absolute Reizfigur, nicht zuletzt aufgrund seiner theatralischen Mätzchen und Einlagen. Als »Torverhinderer« glänzte Chilavert und heimste dafür in den Jahren 1995, 1997 und 1998 den Titel »Welttorhüter des Jahres« ein. Er steht somit auf einer Stufe mit Kahn und Zenga – nur Buffon wurde einmal öfter ausgezeichnet.
»El Arquero« trifft ins Schwarze
Am anderen Ende des Platzes können ihm diese nicht das Wasser reichen: Mit 63 Treffern für das Nationalteam und diverse Clubs ist Chilavert nach wie vor einer der torgefährlichsten Keeper der Welt (nur Rogério Ceni vom FC São Paulo konnte ihn mit angeblich 83 Treffern in dieser inoffiziellen Wertung überflügeln). Vor allem durch Elfmeter und mit dem linken Schussbein gezirkelte Freistöße konnte »El Arquero« – wörtlich »der Bogenschütze« – immer wieder Spiele entscheiden. Für Velez Sarsfield, den Club aus Buenos Aires, bei dem Chilavert die längste Zeit seiner Karriere nicht nur das Tor hütete, gelangen ihm beinahe 30 Treffer. Drei davon fügte er in einem Match aus Elfmetern zum einzigen bekannten Tormann-Hattrick auf Profiebene zusammen. Auch sein spektakulärster Treffer gelang ihm für Velez: Ein Mitspieler wird auf Höhe des Mittelkreises der eigenen Spielhälfte gefoult und wälzt sich angeschlagen im Gras. Während ein gegnerischer Spieler sich beim Verletzten noch entschuldigt, sprintet Chilavert aus dem eigenen Kasten und setzt den Ball aus beinahe 60 Metern unter die Latte seines völlig überraschten Gegenübers.
Chilavert goes Europe
Doch nicht nur in Südamerika, wo mentalitätsbedingt ein fruchtbarer Boden für »Offensivgoalies« zu sein scheint (Rogério, Higuita, Campos), blühte Chilavert auf. Auf europäischer Clubebene spielte und traf der Keeper für Real Saragossa und Racing Straßburg – letztere schoss er im Abstiegsjahr 2001 sogar noch zum Cupsieg. In vielen Interviews streicht Chilavert die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich als das Ereignis seiner Karriere hervor: Als Außenseiter qualifiziert, äußerte Chilavert öffentlich Anspruch auf den Weltmeistertitel. Tatsächlich konnte Paraguay die Gruppenphase überstehen. Dazu hätte Chilavert im Gruppenspiel gegen Bulgarien mit einem Latten-Freistoß beinahe für das erste Tormann-Tor einer Endrunde gesorgt. Im Achtelfinale wartete dann der spätere Weltmeister Frankreich. In einer denkwürdigen, asymmetrischen Kampfpartie hatten es die in allen Belangen unterlegenen Paraguayer Feldspieler nur ihrem Schlussmann zu verdanken, mit einem torlosen Remis die Verlängerung zu erreichen. Dort setzte jedoch Laurent Blanc allen Träumen des überragenden Chilavert mit einem Golden Goal in der 113. Minute ein jähes Ende. Chilavert zeigte sich dann selbstlos, als er die völlig ermattet und enttäuscht am Feld liegenden Mitspieler der Reihe nach tröstete und wieder aufrichtete.
Der Carlos-Zwischenfall
Nach Schlusspfiffen hat Chilavert aber auch schon ein ganz anderes Gesicht gezeigt. Beschimpfungen der gegnerischen Fans waren Teil des üblichen Abgangsrituals nach Niederlagen. Eine besonders hässliche Unsportlichkeit leistete er sich jedoch nach dem abschließenden Qualifikationsmatch für die Weltmeisterschaft in Japan und Korea gegen Brasilien. Das Match war vorbei, beide Teams für das Ereignis qualifiziert, als Chilavert auf Roberto Carlos lächelnd zuging. In Großaufnahme fingen die Live-Kameras ein, wie sich die beiden kurz herzlich umarmen. Ohne eine Miene zu verziehen, spuckt Chilavert Carlos plötzlich aus nächster Nähe ins Gesicht und geht ebenso wortlos weiter, wie er gekommen war. In Japan hatte er den bequemen Tribünenplatz für das erste Spiel jedenfalls sicher.
Vom Größenwahn geplagt
Auch außerhalb der Stadien war der exzentrische Keeper immer wieder für Entgleisungen gut. Er verprügelte einen Journalisten, der in einem Nebensatz bemerkte, dass Chilavert an Gewicht zugelegt hätte. Den Baseballschläger, den er stets am Rücksitz seines Autos mitführt, hat er wohl doch nicht nur zu Selbstverteidigungszwecken dabei, wie er selbst angibt.
Trotz teilweise nicht sonderlich salonfähigen Verhaltens strebt der Vater einer 10-jährigen Tochter Großes an: Er möchte der »Beckenbauer des paraguayischen Fußballverbandes« werden. In verhältnismäßig weniger bescheidenen Momenten denkt er auch schon einmal laut über die Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl Paraguays nach. Jean-Paul Sartre schrieb über die ballfangende Zunft: »Ein guter Torwart ist ein Spieler, der seine Mannschaft durch Überschreiten seiner Machtbefugnisse in eigenwilligen Aktionen rettet.« Da kann einem, ob Chilaverts politischen Ambitionen, schon ein wenig Bange werden. So weit ist es aber noch nicht, dreht Chilavert doch in der Zwischenzeit noch Fußball-Reality-Shows für Fox Sports und betreibt ein Restaurant in Asunción.

José Luis Félix Chilavert
Geboren am 12. Juli 1965 in Luque, Paraquay. Chilavert war 1995, 1997 und 1998 »Welttorhüter des Jahres«. Er spielte insgesamt 74 Mal als Torhüter für die »Albirroja«, das Nationalteam Paraguays, und erzielte dabei acht Tore. Schon mit 15 wurde er Stammtorhüter seines Heimatklubs Sportivo Luqueño. Ab 1982 war er bei Guaraní Asunción, um dann 1984 den Sprung nach Argentinien zu CA San Lorenzo de Almagro aus Buenos Aires zu wagen. In Europa spielte er für Real Saragossa (1988–1991) und Racing Straßburg (2001–2004). Die meiste Zeit stand er aber für Velez Sarsfield (1991–2000 bzw. 2004) im Tor, für die er auch 30 seiner insgesamt 63 Karrieretreffer erzielte. Am 11. November 2004 bestritt er sein letztes Spiel und steuerte auch hier einen Treffer bei.
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