Ressort
Im Abseits
Erstellt
29.11.2008, 20:11
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Katharina Postl
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Mauricio Bustamante

Am Spielfeldrand der Gesellschaft

Spielerisch zurück ins Leben: Der Homeless World Cup schafft es auf einzigartige Weise, soziales Engagement mit der Faszination Fußball zu verbinden und gesellschaftliche Brücken zu schlagen.


Kaum ein anderer Sport verbindet Menschen so wie Fußball, der Begeisterte unterschiedlichsten sozialen Hintergrunds zusammenbringt, während am Feld selbst – vor allem in den hohen Spielklassen – sich zwar die unterschiedlichsten Nationalitäten vereinen, dabei jedoch keine finanziellen Gräben zu überwinden haben. Fußballfans gibt es in allen Bevölkerungsschichten, auch unter Menschen, die am (Spielfeld-)Rand der Gesellschaft stehen. Diese Menschen, die normalerweise nicht im Mittelpunkt stehen, die von Obdachlosigkeit betroffen, drogen- oder alkoholabhängig sind oder auf Asyl warten, möchte man im Rahmen des Homeless World Cups (HWC) auf das Spielfeld bringen. Gespielt wird jedoch nicht am gepflegten Rasen, sondern auf der Straße.
Die Idee zum Homeless World Cup entstand 2001 bei einem Treffen des Internationalen Netzwerks der Straßenzeitungen. Der Grazer Harald Schmied, zu diesem Zeitpunkt Chefredakteur der Straßenzeitung »Megaphon«, und Mel Young, Herausgeber des schottischen Pendants »Big Issue«, hoben 2003 gemeinsam den ersten Homeless World Cup aus der Taufe. Die Idee, Menschen durch den Verkauf von Straßenzeitungen Würde und Selbstbewusstsein zurückzugeben, fand ihr Äquivalent im Fußball. Als Austragungsort wurde Graz ausgewählt, zu dieser Zeit gerade Kulturhauptstadt Europas. Damals nahmen 18 Nationen am Bewerb teil, Weltmeister wurde – mit einer Mannschaft, die sich aus afrikanischen Asylwerbern zusammensetzte – Österreich. Das Event in Graz wurde zum vollen Erfolg, 20.000 Zuseher verfolgten die Spiele, und besonders für die Teilnehmer wurde es zum einem unvergesslichen Ereignis. Seit diesem Zeitpunkt wird der Cup jährlich unter dem Motto »Kick off homelessness – kick off poverty« veranstaltet. Mittlerweile haben sich die teilnehmenden Nationen vervielfacht, und die Stimmung vor Ort gleicht der in einem olympischen Dorf. Gespielt wird Street Soccer nach den internationalen Regeln: mit drei Feldspielern und einem Tormann, zweimal sieben Minuten pro Match.

Eine Ausnahmesituation, die verbindet
Dieses Jahr wird der Homeless World Cup vom 1. bis 7. Dezember in Melbourne, Australien, ausgetragen. Auch acht österreichische Spieler werden wieder mit von der Partie sein, eine bunt gemischte Truppe aus Menschen, die im normalen Leben auf die eine oder andere Art und Weise durch den Rost gefallen sind. Ausgewählt wurden sie bei Turnieren, die von sozialen Organisationen veranstaltet wurden, wie zum Beispiel dem »Wiener Obdachlosenturnier«. Was alle Ausgewählten verbindet, ist der Spaß am Fußballspielen und die Motivation, diese Chance zu nützen, um ihr Leben zu verändern. Sportlich wird die Mannschaft ehrenamtlich vom ehemaligen Sturm Graz-Spieler Gilbert Prilasnig und seinem Trainerkollegen Klaus Fuchs unterstützt. Als Team-Managerin fungiert Monika Tragner von der Caritas Graz, die neben dem organisatorischen Part auch für die Spielerbetreuung zuständig ist, denn neben der sportlichen Vorbereitung wird auch großer Wert auf das Teamgeschehen gelegt. In drei Trainingslagern werden mit den Teilnehmern die nötigen Fähigkeiten erarbeitet. Das reicht vom normalen Fußballtraining bis zu sozialpädagogischen Interventionen. Oft besteht diesbezüglich auch eine Kooperation mit den primär betreuenden Organisationen, jenen, die sich im täglichen Leben um die Teilnehmer kümmern. »Für viele Spieler ist es eine ganz neue Situation, wieder in ein Team integriert zu sein, einen Freundeskreis aufzubauen und sich auf andere verlassen zu können«, meint Monika Tragner. »Auch einen klar strukturierten Tagesablauf zu haben, muss neu erlernt werden.« Diese Fähigkeiten sind es gerade, die helfen, ins »normale« Leben zurückzufinden und beispielsweise wieder ins Bildungssystem einzusteigen. Neben den Trainingseinheiten werden auch gemeinsame Aktivitäten unternommen. Als eine Art Generalprobe diente der »Bank Austria Street Soccer Cup«, bei dem gegen eine Promi-Mannschaft angetreten wurde. »Diese Ausnahmesituation, bei einem internationalen Turnier für sein Heimatland mitspielen zu dürfen, schweißt enorm zusammen. Man kann nur zusammen gewinnen, alleine verliert man. Einige Spieler treffen sich mittlerweile auch privat, um miteinander Fußball zu spielen«, zeigt sich Monika Tragner über diese Entwicklung sichtlich erfreut.

Die Hürden des Gesetzes
Dass der HWC dieses Jahr in Melbourne stattfindet, ist für die meisten Spieler allein schon wegen der langen Anreise aufregend. Viele vereisen überhaupt das erste Mal. Auch für die Organisation war es nicht einfach, die Reisekosten zu decken. Jedes Jahr werden Sponsoren gesucht, die die Teilnahme des österreichischen Teams sichern. Ziel ist es, das Projekt auf eine sichere finanzielle Basis zu stellen, um nicht jedes Jahr von Neuem beginnen zu müssen. Gab es bislang durchwegs gemischte Teams, werden dieses Jahr zum ersten Mal in der Geschichte des HWC auch reine Frauenteams antreten. Ein österreichisches Damenteam ist nicht zustande gekommen, die Organisatoren sind aber bemüht, für das kommende Jahr auch fußballbegeisterte Frauen zu motivieren. Vision ist auch der Aufbau einer Austrian Street League. Dass auch eine Veranstaltung, die versucht Randgruppen in den Mittelpunkt zu rücken, nicht von bürokratischen Hürden und Ausgrenzung verschont bleibt, zeigen die Geschehnisse des Jahres 2005. Damals konnte der HWC nicht wie ursprünglich geplant in den USA stattfinden, sondern musste aufgrund der strengen Einreisebestimmungen kurzfristig nach Edinburgh verlegt werden. Fünf afrikanische Teams konnten dennoch nicht einreisen. Auch dieses Jahr kann ein bereits ausgewählter Spieler aus Graz aufgrund seines Status als Asylwerber am kommenden HWC nicht teilnehmen. Nur als Konventionsflüchtling hat man eine Aufenthaltsbewilligung in Österreich, einen österreichischen Pass und darf damit auch das Land verlassen. Ein Asylwerber ohne Aufenthaltsbewilligung hat theoretisch die Möglichkeit, einen Fremdenpass zu beantragen, um ausreisen zu dürfen. Dies wurde in der Vergangenheit mehrfach versucht, scheiterte jedoch stets am am fehlenden politischen Willen.

Durch Fußball in ein geregeltes Leben
Spannend ist es auch zu sehen, welchen Einfluss die Teilnahme am HWC auf das weitere Leben der Spieler hat. »Die meisten sagen, sie haben davon profitiert«, berichtet Monika Tragner. »Wir können niemanden durch Fußball eine Wohnung oder einen Job zurückgeben, aber ein Stück Würde und Selbstvertrauen«. Bei einigen war die Motivation so groß, dass auch eine wesentliche Veränderung stattfinden konnte. Ein Spieler hat nach dem HWC beschlossen, die Abendmatura nachzumachen. Der Nigerianer Angus Okanume konnte sein Talent 2003 im österreichischen Team derart unter Beweis stellen, dass er weiter gefördert wurde. Okanume spielt nach wie vor in der Steirischen Landesliga und führte dort auch einige Zeit die Torschützenliste an. Sein Asylantrag ist allerdings nach wie vor nicht abgeschlossen, er hofft jedoch, dass seine Teilnahme am HWC und die daraus resultierende Entwicklung einen positiven Einfluss auf sein Verfahren haben. Nicht nur die acht jährlich ausgewählten Spieler profitieren von dieser Erfahrung, auch auf das nahe Umfeld wirkt sich die neu gewonnene Motivation positiv aus. Die Teilnehmer des HWC spielen für sich selbst, aber auch für ihr Land und für die Daheimgebliebenen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. »Wichtig ist auch«, meint Monika Tragner, »dass das Thema Obdachlosigkeit an die Öffentlichkeit getragen wird und nicht so negativ besetzt ist. Es geht darum, dass die Spieler zeigen können, was in ihnen steckt. Es geht nicht um Almosen.« Auch nach der Teilnahme bleibt der Kontakt zu den meisten Spielern aufrecht. Für die Betreuer ist es spannend, die Entwicklung jedes Einzelnen zu verfolgen. Ein halbes Jahr nach jedem HWC wurde bei den Spielern aller teilnehmenden Nationen eine Befragung durchgeführt. Die Ergebnisse sprechen für sich: Fast die Hälfte konnte ihre Wohnsituation verbessern, 39 Prozent besuchten und absolvierten eine Ausbildung und insgesamt 93 Spieler bewältigten ihre Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Viele spielen weiterhin aktiv Fußball.

Engagement und Gleichgültigkeit
Die unterschiedlichsten Personen tragen die Idee des Homeless World Cups mit ihrem ehrenamtlichen Engagement, ihrem Statement oder ihrer finanziellen Spende. Éric Cantona etwa fungiert als Botschafter des HWC, Sir Alex Ferguson, Luís Figo und Ringo Starr stehen ebenfalls hinter dem Projekt. In Österreich ist Gilbert Prilasnig hervorzuheben, der seit 2004 sein Können und seine Erfahrung an die Teamspieler weitergibt. Die offizielle Seite Fußball-Österreichs lässt hingegen nicht viel Engagement erkennen. Die Organisatoren des österreichischen Teams hätten sich mehr Unterstützung seitens des ÖFB gewünscht. »Es geht nicht nur um finanzielle Hilfe, sondern auch um Wertschätzung«, meint Monika Tragner. Unterstützung für die Botschaft des Homeless World Cups kann auf viele verschiedene Arten erbracht werden. 56 dieses Jahr teilnehmende Teams verdeutlichen in puncto Völkerverbindung und Sozialisierung mit Randgruppen das bisher Geleistete.
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Homeless World Cup (Foto: Mauricio Bustamante)
Info
Die Stationen des Homeless World Cup
In der damaligen Kulturhauptstadt Europas, Graz, nahm 2003 alles seinen Anfang. Es folgten Göteborg und Edinburgh, das wegen der strengen amerikanischen Einreisebedingungen für das ursprünglich geplante New York einsprang. Nach einer Zwischenstation 2006 in Südafrika, Kapstadt, kehrte der Bewerb 2007 mit Kopenhagen kurz nach Europa zurück.
Dieses Jahr geht es nach Down Under, nach Melbourne. Im kommenden Jahr wird die österreichische Mannschaft keinen so weiten Weg auf sich nehmen müssen wie heuer: Auf dem Programm steht Mailand.
Weblink: http://www.homelessworldcup.org

Zitiert

»Wir können niemanden durch Fußball eine Wohnung oder einen Job zurückgeben, aber ein Stück Würde und Selbstvertrauen.«

Monika Tragner

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