
Denn die Grätsche lügt nie
Der ehemalige Kapitän von Manchester United bzw. der irischen Elf und nunmehrige Sunderland-Erfolgscoach Roy Keane gilt als Prototyp des kämpfend-grätschenden Bastards. Zahlreiche Rote Karten und eines der härtesten Fouls der ballestrischen Inselgeschichte nährten das Image des »Enfant Terrible«.
United-Coach Alex Ferguson war es eine Ehre, so sprach er zumindest noch nach dem gewonnenen Champions League-Halbfinale 1999 gegen Juventus Turin, einen Spieler wie diesen Iren in seinen Reihen zu haben. Das Hinspiel im Old Trafford endete für United glücklich mit 1:1. Das Rückspiel im Turiner Stadio delle Alpi begann mit einem Doppelpack von Filippo Inzaghi in der sechsten und elften Minute. Die Trendwende in der 24. Spielminute: Roy Keane köpfelte für die »Red Devils« ein. Treffer durch das Stürmerduo Dwight Yorke und Andy Cole in der 34. und 84. Minute folgten. Der Weg wurde mit Willenskraft geebnet. Gepflastert wurde er unter anderem mit einem Foul an Zinédine Zidane und einer gelben Karte, die Roy Keane für das folgende Finale sperrte. Ein 60 Minuten lang andauerndes, wunderbares Schauspiel, das an Dramaturgie bereits einen Monat später im Finale gegen Bayern München seinen Meister fand.
In die Geschichtsbücher gingen zwar diese tragisch-kompakten letzten drei Minuten im Camp Nou ein (2:1, mit zwei Toren in der Verlängerung), doch der Triumph in Turin weckte diesen Geist, der Manchester zum historischen Tripel führte.
Bereits fünf Wochen zuvor wurde Arsenal im Wiederholungsspiel des FA-Cup-Halbfinales gebogen: mit zehn Mann (Rote Karte für Roy Keane für ein Foul an Marc Overmars) und einem der unglaublichsten Tore der Weltgeschichte durch Ryan Giggs, in einem der atemberaubendsten Spiele der Inselgeschichte.
In der 2002 erschienen Autobiografie mit dem äußerst prägnanten Titel »Keane« umschreibt er diese Momente der Wende und individuellen Inspiration wie im Falle von Ryan Giggs mit: »We’re hungrier than they are, that should be enough. […] How fucking good are we?«
Der Älteste am Schulhof
Er war mit 27 einer der Ältesten dieser Mannschaft, die Sir Alex ab Anfang der 1990er-Jahre so nachhaltig betreute und formte. Der Kern dieser Elf kam aus dem eigenen Nachwuchs: Nicky Butt, David Beckham, Paul Scholes, Ryan Giggs, Gary und Phil Neville – alle waren sie bereits seit mehr als fünf Jahren bei United, keiner von ihnen über 25 Jahre alt. »Fergie’s Fledglings« (deutsch: Fergies Küken) wurden sie genannt. Keane, der 1993 von Nottingham Forest zu United wechselte, war der Kapitän dieser erfolgreichen Gruppe.
Die Schleife wechselte 1997 vom überraschend scheidenden französischen »König von Manchester«, Éric Cantona, auf seinen mit einem Kreuz tätowierten Oberarm. Mehr noch als die Kapitänsbürde verband sie aber – nein, nicht der Glaube an Gott – die Einstellung zum Spiel, zu den Mannschaftskollegen und zum Gegner. Gegenseitig zollten sie sich ebenfalls viel Respekt. Beide waren sie vom Typus »Harte Jungs vom Schulhof«. Cantona, die heroische Diva, der Exzentriker, das Genie, ein Künstler am Ball. Keane, die irische Bulldoge, Mittelfeldmaschine, Arbeitstier, Antriebsmotor. Beides Einzelgänger. Die bösen Buben, die auf der letzten Bank im Schulbus sitzen. Mit Vinnie Jones (»Die Axt«) und Paul Gascoigne waren diese vier das exzentrischste Quartett der jüngeren Geschichte der verhaltenskreativen Kicker.
Die Inselbewohner mögen solche Charaktere, Attitüden und Tugenden. Raphael Honigstein – Autor von »Harder, better, faster, stronger. Die geheime Geschichte des englischen Fußballs« – beschreibt es wie folgt: »Sie verstoßen eine Spur zu offensichtlich gegen den Faiplay-Kodex, um wirkliche Vorbilder zu sein. Man findet sie faszinierend, ist aber doch ganz froh, selber vergleichsweise normal zu sein.«
I fucking hit him hard
»Sliding tackle in September, I’ll always remember« lautet mit hoher Wahrscheinlichkeit kein irisches oder englisches Sprichwort. Im September 1997 verletzte sich Keane beim Foulversuch an dem norwegischen Legionär Alf-Inge Håland, damals Dienstnehmer bei Leeds United. Daraufhin beschimpfte Håland den sich am Boden wälzenden Keane mit: »Get up, stop faking it.« No fake! Er war tatsächlich verletzt. Ein Kreuzbandriss setzte ihn neun Monate auf die Tribüne. Fast vier Jahre, zwei Meistertitel und einige Verbalattacken zwischen Håland und Keane später, im April 2001: das Revanchefoul. Håland, mittlerweile im himmelblauen Dress vom Stadtkonkurrenten Manchester City, wurde von einem gestreckten Bein eines heranlaufenden, hineinspringenden Roy Keane getroffen. Exakter noch: Sein Knie wurde regelrecht zertrümmert. Eine Verletzung, die für den Norweger das Karriereende bedeutete.
»I fucking hit him hard. The ball was there (I think). Take that you cunt.« »Cunt« wird in die deutsche Sprache als »Fotze« übersetzt und ist in den seltensten der Fälle nett gemeint. Trotz tätowiertem Kreuz unter der Kapitänsschleife: Auch christliche Nächstenliebe hat seine Grenzen. Der Hang zur brachialen Grätsche – noch dazu in seiner Position im Mittelfeld – war äußerst stark ausgeprägt. In seiner Zeit bei United durfte er elf Mal vorzeitig die Umkleidekabinen aufsuchen.
Dramaturgie der Konflikte
Die Zeit bei United wurde durch einen eskalierenden Konflikt mit Coach und Vaterfigur Alex Ferguson beendet, ähnlich abrupt wie Jahre zuvor die »Ära Éric Cantona« und Keanes Engagement im irischen Nationalteam. Die Dramaturgie: Trainer-Konflikt, Eskalation, Suspendierung, nationaler Ausnahmezustand, Medienschlacht.
Seine letzte Vereinsstation war Celtic Glasgow, seine »Jugendliebe«. Am 12. Juni 2006 gab »Captain Fantastic« im Alter von 34 Jahren aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt bekannt.
Seit Herbst 2006 betreut und formiert er den FC Sunderland am Spielfeldrand und führte ihn in seiner ersten Saison vom unteren Tabellenrand der nach einem getränkeherstellenden Imperium (nein, nicht Red Bull) benannten Liga direkt in die Premier League. »Sunderland in May, we’ll go the premier way« hätte man sich als Schlachtgesang gut vorstellen können.
Roy Keane
Geboren am 10. August 1971 in Mayfield / Cork im Südwesten Irlands. Von 1991 bis 2005 Nationalspieler und zwischen 1996 und 2002 Kapitän der irischen Auswahl. Zu seinen Vereinsstationen zählten die Cobh Ramblers, Nottingham Forest, Manchester United sowie Celtic Glasgow. Siebenfacher englischer Meister und Englands Fußballer des Jahres 2000. Seit größter Erfolg war der Gewinn der Champions League 1999 gegen Bayern München, wobei er das Finale aber aufgrund einer Gelbsperre verpasste. Seit August 2006 trainiert er den FC Sunderland und führte ihn in seiner ersten Saison am Spielfeldrand vom letzten Platz in der zweiten englischen Liga direkt in die Premier League, welche in der Saison 2007/08 mit dem passablen 15. Tabellenplatz beendet wurde.
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Denn die Grätsche lügt nie
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