Ressort
Verhaltenskreativ
Erstellt
29.01.2009, 15:43
Text
Markus Eder 
Arthur Friedenreich

Der anonyme Avantgardist

Die an Ambivalenz kaum zu überbietende Biografie des ersten brasilianischen Fußballhelden. Privilegiert und diskriminiert. Integriert und isoliert. Zelebriert und geächtet. Allgegenwärtig und vergessen. Arthur Friedenreich – ein Leben zwischen den Welten.


Gedanken an den brasilianischen Fußball sind zumeist an ballestrische Größen wie Mané Garrincha, Pelé, Zico oder Sócrates gekoppelt. Ein Name, der in diesem Kontext zwar im Land des Sambas Erwähnung findet, in Europa hingegen nahezu in Vergessenheit geraten ist, ist Arthur Friedenreich. Und das, obwohl Friedenreich im Torschützenranking der FIFA mit 1.329 Toren in 1.239 Spielen als erfolgreichster Torjäger der Fußballgeschichte geführt wird. Realistischere Kalkulationen belaufen sich zwar »nur« auf 500 bis 800 Tore, was aber der Tatsache keinen Abbruch tut, dass es sich bei der Person Friedenreich um den ersten brasilianischen Fußballhelden handelt.

Eine vom Rassismus geprägte Karriere
Friedenreichs Laufbahn begann im Jahr 1909 beim SC Germania, einem von deutschen Einwanderern 1899 ins Leben gerufenen Verein. Erst durch eine Änderung der Vereinssatzung, herbeigeführt durch die beiden deutschen Funktionäre Hans Nobiling und Hermann Friese, erlangte der bis dato aufgrund seiner Hautfarbe zum Spiel unbefugte Mulatte seine Spielberechtigung. Trotz seiner von nun an offiziellen Vereinsmitgliedschaft war Friedenreich vor rassistischen Anfeindungen seitens der Zuschauer, Gegenspieler, Schiedsrichter und seiner eigenen Mannschaftskollegen keineswegs gefeit. Als Selbstschutzmaßnahme gegen diese Übergriffe glättete er sein krauses Haar mit Pomade und bleichte seine Haut mit Reismehl, um weniger als Farbiger in Erscheinung zu treten.
Wie den Klubfußball, so revolutionierte Friedenreich auch das Spiel der Seleção. Privilegiert durch seine deutschen Wurzeln streifte er, als erster dunkelhäutiger Spieler, bereits 1914 den Dress der im selben Jahr gegründeten brasilianischen Nationalelf über, für die er auch das wichtigste Tor seiner Karriere erzielte. 1919 netzte er im Entscheidungsspiel um die Copa América gegen den Rivalen aus Uruguay in der 150. und damit allerletzten Spielminute zum 1:0 (damals wurden Verlängerungen über viermal 15 Minuten ausgetragen) und sicherte dadurch Brasilien den ersten Titelgewinn in diesem Wettbewerb. Dieser Torerfolg verlieh Friedenreich die Titulatur des »Pe de Ouro«, zu Deutsch »Goldfuß«, und machte ihn zum ersten Aushängeschild des brasilianischen Fußballs.
Bei der 1921 in Argentinien ausgetragenen Südamerikameisterschaft durfte aufgrund der damit einhergehenden Repression in Form eines erneuten Spielverbots für farbige Athleten, verhängt durch den Staatspräsidenten Epitácio Pessoa, auch Friedenreich dieser Veranstaltung nicht beiwohnen. Ein erneuter Titelgewinn blieb aus und nach heftigen Protesten wurde das Spielverbot wieder aufgehoben.
Im Jahr darauf, unter der erneuten Beteiligung Friedenreichs, gelang Brasilien ein weiterer Turniergewinn. Insgesamt erzielte der »Goldfuß« in 22 Spielen zehn Tore für die brasilianische Elf. Einzig und allein die Teilnahme mit der Seleção an einer Weltmeisterschaft blieb ihm verwehrt.

Homo ludens – der spielende Mensch
Arthur Friedenreich war also der erste Farbige, der die diskriminierenden Strukturen des brasilianischen Fußballs durchbrechen konnte. Er entdeckte über das Spiel seine Fähigkeiten und Stärken, wodurch Selbstentfaltung möglich wurde. Friedenreich hat im Fußballsport jene Handlungsfreiheit erlangt, die einem Dunkelhäutigen in der damaligen, vom Rassismus beschnittenen, brasilianischen Gesellschaft nicht gegeben war. Eduardo Galeano, Autor des Fußballklassikers »Der Ball ist rund und Tore lauern überall«, sieht in Friedenreich den Begründer der heutzutage so hoch geschätzten brasilianischen Art des Spiels, die seiner Meinung nach aus dem Abknicken bzw. dem Schwingen des ganzen Körpers, den fliegenden Beinen, welche von der Capoeira, dem Kriegstanz der schwarzen Sklaven, und den fröhlichen Tänzen aus den Armenvierteln der großen Städte stammen, besteht. Sein ausgeprägter Nonkonformismus gegenüber Regeln und Konventionen britischer Fußballlehrbücher machte ihn zum ersten ballestrischen Individualisten Brasiliens.
Der Legende nach hat Friedenreich um 1910 beim Fußballspielen auf der Straße die Körpertäuschung entdeckt. Erschreckt durch ein schnell herannahendes Auto, drehte sich der Brasilianer mit dem Ball am Fuß schnell um die eigene Achse, sprintete zur Seite und wich so der Gefahr aus. Später probierte er dieselbe Bewegung im Zweikampf gegen seine Gegenspieler – und das mit großem Erfolg. Die Körpertäuschung, die heute eine Selbstverständlichkeit im technischen Repertoire eines jeden Kickers darstellt, war geboren.
Weiters gilt Friedenreich als Schöpfer des Effetschusses. Angeblich soll er beim Versuch, Flaschen von der Torlatte zu schießen, den Ball versehentlich an der Seite und nicht wie gewollt in der Mitte getroffen haben. Sofort bemerkte er, dass man auf diese Weise viel erfolgreicher und effizienter sein konnte. Der Schuss mit »Fett’n«, um es mit den Worten Herbert Prohaskas zu formulieren, war erfunden.

Eine bahnbrechende Persönlichkeit
Leider existieren aus der Friedenreichschen Wirkenszeit keinerlei bewegte Bilder, wodurch eine visuelle Vergegenwärtigung seines Ballzaubers nicht möglich ist. Nichtsdestotrotz kann gesagt werden, dass Friedenreich, dessen Todestag sich heuer zum 40. Mal jährt, seiner Zeit in jeglicher Hinsicht voraus war. Er gilt als fußballerischer Revolutionär in Sachen Rassismus und somit als Wegbereiter aller ihm nachfolgenden afro-brasilianischen Fußballer. Dazu kommen noch sein Spielwitz, seine Kreativität und sein Innovationsdrang sowie die ihm von Eduardo Galeano nachgesagte »frech-vergnügte Unbotmäßigkeit des kaffeebraunen Jungen«, die ihn als Inbegriff des »Homo ludens« auszeichnen und den brasilianischen Fußball zu dem zelebrierten Spektakel gemacht haben, das wir heute kennen.
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Zur Person
Arthur Friedenreich
Geboren am 18. Juli 1892 in Luz, einem Viertel von São Paulo, als Sohn Oscar Friedenreichs, eines weißen, emigrierten Hamburger Ingenieurs, und dessen Frau Matilde, einer afro-brasilianischen Wäscherin aus São Paulo. Zu seinen Vereinsstationen zählten bis auf zwei kurze Gastspiele bei CR Flamenco ausschließlich Klubs aus dem Bundesstaat São Paulo. SC Germania, CA Ypiranga, Club Athletico Paulistano, São Paulo da Florensta und der spätere Pelé-Club FC Santos sind hier die wichtigsten. Neben den sieben Titeln in der Meisterschaft von São Paulo zählen die Gewinne der Copa América in den Jahren 1919 und 1922 und neun Auszeichnungen für den Torschützenkönig der Campeonato Paulista zu den größten Erfolgen in Friedenreichs Karriere. Nach seiner aktiven Laufbahn arbeitet er in einer Brauerei, ehe er, erkrankt an Parkinson, am 6. September 1969 verarmt stirbt.

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