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Im Interview
Erstellt
29.01.2009, 16:14
Interview
Jürgen Pucher
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Kramar
Alfred Tatar (Foto: Kramar)

Heimkehr und Verlieren in Orange

Nach mehr als zwei Jahren Trainertätigkeit in Russland brach Alfred Tatar dort seine Zelte ab und lebt seit Dezember wieder in Wien. »Null Acht« traf ihn im Café Drechsler am Naschmarkt, seinem verlängerten Wohnzimmer, wie er selbst sagt, um mit ihm über seine Zeit in Russland, musikalische Einlagen vor dem Stephansdom und Persönlichkeitsspaltungen abseits der Schizophrenie zu sprechen.


Sie haben letzte Saison als Co-Trainer ihres langjährigen Wegbegleiters Rashid Rachimov beim russischen Renommierklub Lokomotive Moskau gearbeitet. Im Dezember, nach Ende der Saison, haben Sie ihren Vertrag auf eigenen Wunsch gekündigt. Warum?
Das waren rein private Gründe. Ich habe das Wohlergehen der Familie in den Vordergrund gestellt und dafür auf die Karriereoption in Russland verzichtet. Man könnte auch sagen, es war eine Entscheidung gegen das Geld und für das Familienleben.

Ist Ihnen diese Entscheidung leicht gefallen?
Nein, überhaupt nicht. Der Prozess hat sich über Wochen hingezogen und wir, meine Frau, meine Töchter und ich, haben zu Hause unzählige Gespräche geführt und Für und Wider abgewogen. Am Ende stand der Entschluss, dass es das Beste für alle ist, wenn ich meine Tätigkeit in Moskau beende. Vor allem deshalb, weil es für die Kinder sehr schwierig war. Man ist einfach nicht vorhanden und sieht sich oft wochenlang nicht. Auch meine Frau hat unter der allein zu tragenden Doppelbelastung Beruf und Familie gelitten.

Der Entschluss zurückzukehren hat also nichts mit dem doch enttäuschenden Abschneiden von Lok Moskau in der letzten Saison zu tun? Man hatte die Zielsetzung, unter die ersten drei zu kommen, am Ende blieb Platz sieben.
Nein, das hat damit nichts zu tun. Obwohl die letzte Saison für den Klub eine schwere Enttäuschung war. Angefangen vom Vorsitzenden der russischen Eisenbahngesellschaft, dem obersten Verantwortlichen bei Lokomotive Moskau, über den Präsidenten bis zum Zeugwart sind alle im Verein sehr unglücklich mit der Saison. Das wurde von den Verantwortlichen in der Kabine auch lautstark kundgetan. Trotzdem schrieb die Klubführung den Misserfolg der mangelnden Klasse der Spieler zu und stärkte dem Trainerteam um Chefcoach Rashid Rachimov den Rücken. Im Moment befinden sich deshalb 14 Spieler aus dem letztjährigen Kader auf der Transferliste. Dieser Klub hat eine große Perspektive, wenn der Umbau der Mannschaft funktioniert. Und so wie ich Rashid Rachimov kenne, wird er funktionieren. Ich verlasse also eigentlich etwas Prosperierendes.

Wie hat die Arbeitsteilung zwischen Alfred Tatar und Rashid Rachimov ausgesehen und wie hat er Ihre Kündigung aufgenommen?
Der unumschränkte Chef war Rachimov. Bei allen Entscheidungen im sportlichen Bereich ist er bei Lok Moskau der Letztverantwortliche. Meine Aufgabe war, ihn im unmittelbaren Training mit der Mannschaft zu unterstützen und sein Programm optimal umzusetzen. Wir haben auch gemeinsam in langen Vorlaufzeiten den theoretischen Hintergrund erarbeitet, den es braucht. Im tatsächlichen Training habe ich meistens die Aufwärmphase übernommen und dann haben wir uns die Mannschaft in zwei Gruppen aufgeteilt. Kurz, ich war in den Übungsphasen sein wichtigster Gehilfe auf dem Feld. Zu meinem Ausscheiden: Er hätte natürlich lieber gehabt, dass ich weitermache, weil unsere Zusammenarbeit schon seit Jahren gut funktioniert. Unser Verhältnis ist aber immer noch sehr gut, er wird versuchen, meinen Part mit zu übernehmen und die Lücke zu schließen.

Wir haben für unsere letzte »Null Acht«-Ausgabe den aktuellen Ried-Coach Paul Gludovatz besucht, und der hat gemeint, Taktik und System im Fußball seien überbewertet. Wie sehen Sie das?
Ich kann diese pauschale Aussage aus einem einfachen Grund nicht nachvollziehen: Welchen Stellenwert Taktik hat, hängt von der Region ab, wo man Fußball spielt. In Italien etwa spielt Taktik eine sehr große Rolle, José Mourinho hat unlängst gesagt, Fußball in Italien sei nur Taktik. In der englischen First oder Second Division gibt es dagegen kaum Taktik, da steht Kick and Rush auf der Tagesordnung. Die russische Premjer Liga liegt irgendwo dazwischen. Die Spieler sind es nicht gewohnt, so viel theoretisch zu arbeiten wie die Italiener, es wird aber trotzdem mehr gemacht als in einigen anderen Ligen.

Wo würden Sie die russische Liga im europäischen Vergleich einordnen? Schon auf Augenhöhe mit den Top-Nationen?
Der Status quo in Europa ist jener, dass es im Moment zwei Ligen gibt, die über allen anderen stehen: die Premier League in England und die Primera División in Spanien. Die Serie A fällt da, trotz Spitzenklubs wie Juventus Turin, schon ein wenig ab. Zusätzlich gibt es in Italien massive Infrastruktur- und Sicherheitsprobleme. Dahinter würde ich auf derselben Stufe die Deutsche Bundesliga und die Premjer Liga in Russland sehen. Der große Vorteil, den die Deutschen noch haben, ist, dass sie bezüglich Marketing und Infrastruktur deutlich besser aufgestellt sind.

Sie sehen die russische Liga also bereits stärker als zum Beispiel die französische?

Vielleicht nicht stärker, aber dichter. In Frankreich ist es ähnlich wie in Holland. Es gibt einige wenige herausragende Mannschaften, eine Spielklasse besteht aber aus mehr Vereinen. In den meisten Ligen gibt es nach einer gewissen Zahl von Klubs einen Bruch in der Klasse, in Holland nach zwei oder drei Mannschaften, in Deutschland vielleicht nach sechs. In Russland ist es aber tatsächlich so, dass der Meister zum Zehnten fährt und alle Hände voll zu tun hat, dort nicht zu verlieren.

Woher kommt diese große Leistungsdichte?
Einer der Gründe ist sicher die flächenmäßige Größe der russischen Föderation. Selbst in den entlegensten Gebieten gibt es regionale Geldgeber, die den dortigen Verein finanziell unterstützen. Der aktuelle Meister Rubin Kasan aus der Teilrepublik Tatarstan war in der letzten Saison fast eine Schießbudenfigur. Dann hat sich aber der Präsident dieser Region, Mintimer Schaimijew, in den Kopf gesetzt, er möchte nicht nur im Eishockey eine führende Rolle spielen, und hat derart in den Fußball investiert, dass Rubin vom Abstiegskandidaten innerhalb eines Jahres zum Meister geworden ist.

Wo liegen die Vereine finanziell im europäischen Vergleich, zum Beispiel mit Bayern München?
Zum europäischen Vergleich kann ich nichts sagen, da mir die Zahlen fehlen. Ich kenne das Budget der Bayern nicht.

Anders gefragt: Wäre es für Lok Moskau finanziell möglich, einen Luca Toni zu verpflichten?
Nein, das wäre unrealistisch.

Wird das in naher Zukunft möglich sein?
Jein. Die wirklichen Top-Spieler gehen immer noch am liebsten nach England oder Spanien. Nicht nur wegen des Niveaus und der Höhe der Gehälter, auch das Leben in diesen Ländern ist angenehmer. Sie müssen dort nicht neun Stunden zu einem Auswärtsspiel nach Wladiwostok fliegen. Da hat man einfach mehr Muße, nach Madrid zu gehen. Es ist im Moment noch eine Imagefrage, die Leute haben bei London etwas Positiveres im Kopf als bei Moskau. Aber wenn man in die Stadien und das Umfeld investiert, und das wird passieren, wird auch das Image mit der Zeit besser werden.

Themenwechsel: Arsène Wenger hat heuer bei Arsenal in der Champions League schon 16- und 17-Jährige eingesetzt. Sehen Sie das positiv?
Der Hans Krankl hat als Trainer der Admira vor einigen Jahren so junge Leute eingesetzt und dann posaunt, das würde sich sonst niemand in Österreich trauen. Man muss allerdings dazusagen, dass es die letzte Runde war und es in diesem Spiel nicht einmal mehr um Heidelbeeren gegangen ist. Genau das gilt es immer zu berücksichtigen und ich stelle jetzt hier die Frage: Würde Wenger das auch im Champions League-Finale machen oder in einem entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Chelsea? Ich denke, wohl eher nicht.
 Aber zum Thema Nachwuchs möchte ich noch etwas anderes sagen: Ich halte die Nachwuchsarbeit im Fußball weltweit für ein Feigenblatt. Der Nachwuchsbereich bei Bayern München ist ein Feigenblatt für den Klub. Mit Ausnahme von Frankreich und Holland, wo man ein wenig andere Ansätze hat, gilt das leider für alle großen Profi-Klubs. Sie haben den Nachwuchsbereich nur aus Imagegründen. Nicht daran zu denken, dass da die Spieler hervorkommen, die in den nächsten Jahren die Kampfmannschaft stellen. Auf höchster Ebene, wo es um die Riesenknete geht, ist der Scout viel wichtiger als die Akademie.

Aber macht das Sinn? Auch die gescouteten Spieler kommen ja irgendwo her, und bei kleineren Vereinen funktioniert eine Mannschaft aus vielen Eigenbauspielern doch auch, warum funktioniert das auf höchstem Niveau nicht?
Nachwuchsarbeit kostet viel Geld und der Output ist sehr gering. Wenn man pro Saison einen brauchbaren Spieler herausbringt, kann man schon froh sein. Zwischen Investition und Output besteht ein Missverhältnis. Ein umfangreiches Scouting um die gleiche Summe ist viel ziel- und treffsicherer. Es gibt nach meiner Ansicht nur eine simple Lösung: Die UEFA muss fordern, dass für ihre Bewerbe eine gewisse Anzahl an Eigenbauspielern am Spielbericht Bedingung sind. Schön langsam beginnen auch schon Überlegungen in diese Richtung. Ich würde noch weiter gehen und anregen, dass die UEFA einen zusätzlichen internationalen Startplatz an jenen Verein vergibt, der die meisten Eigenbauspieler eingesetzt hat, vergleichbar mit der schon angewandten Regelung für den Gewinner der Fairplay-Wertung.

Sie haben für jemanden aus dem Fußball-Dunstkreis doch eher einen speziellen Ruf. Es gibt zum Beispiel die Legende vom Gitarre spielenden Straßenmusikanten Alfred Tatar vor dem Wiener Stephansdom während Ihrer aktiven Zeit.
Das ist allerdings eine Legende, weil ich in Wahrheit Mundharmonika gespielt habe. Und zwar das einzige, was ich spielen konnte, die Melodie vom Italo-Western »Spiel mir das Lied vom Tod«. Das Lustige war dann noch, dass mein damaliger Trainer beim Wiener Sport-Club, Günter Kaltenbrunner, zufällig vorbeigegangen ist, wie ich das gespielt habe. Er hat nur den Kopf geschüttelt und ist weitergegangen. Ein Meisterschaftsspiel später wurde er entlassen.

Gab es einen Grund für diesen Auftritt?

Nein, es gibt im Leben Dinge, die hinterfragt man nicht, die tut man. Wenn man alles, was man im Leben macht, hinterfragt, wird man mit dem Fragen nicht fertig.

Aber solche Geschichten bleiben immer irgendwie in Erinnerung.
Ja, das sind diese Geschichten, die dann in den Geschichtsbüchern stehen. Genau wie die, wenn 300 Spartaner gegen die Armee von Xerxes kämpfen. Da weiß auch kein Mensch, ob das wahr ist.

Diese Geschichte hat sogar für einen Kinoerfolg gereicht.

Richtig. Wegen meiner Mundharmonika-Episode hat leider noch niemand angefragt.

Aber Sie waren eine Zeit lang ein recht unterhaltsamer Experte bei Premiere, um zumindest einen Bildschirmerfolg zu nennen.
Das war auch ganz interessant. Als ich dort begonnen habe, war mir klar, ich kann mich nicht hinstellen und reden wie Herbert Prohaska oder Hans Krankl. Die sind eine Marke und ich war der kleine Tatar. Wenn man der kleine Tatar bleibt, hat man gerade einmal ein Paar Siebener in der Hand, bräuchte aber vier Asse. Man muss daher vor der Kamera irgendetwas bringen, um wahrgenommen zu werden. Meine Analysen waren dann sozusagen auf einem zwielichtigen intellektuellen Niveau.

Wie vorher bei der Mundharmonika-Episode schon erwähnt, sind Sie nicht jemand, den man auf den ersten Eindruck in einem Fußball-Umfeld vermuten würde. Haben oder hatten Sie mit diesem Umfeld manchmal Schwierigkeiten, etwa früher mit Spielerkollegen?
Ich glaube, jeder Mensch ist eine multiple Persönlichkeit. Ich bin nicht immer der, der ich jetzt gerade bin. Wenn ich hier bei der Tür hinausgehe, kann ich schnell ein ganz anderer sein. Ich will sagen, der Mensch ist in der Lage, sich an Situationen und Umfelder anzupassen. Wenn ich Fußball gespielt habe, war ich der Fußballer, wenn ich auf der Universität war, war ich der Student, und wenn ich im Kaffeehaus gesessen bin, war ich eben der Kaffeehaustiger. Und ich habe mich in allen Rollen wohl gefühlt, das Schubladendenken, man kann nur eines sein, ist nicht mein Zugang. Wenn ich nicht in ein Schema passe, das sich ein anderer ausgedacht hat, ist mir das egal.

Sie sind gerade nach Österreich zurückgekehrt. Auf dem Speiseplan steht also, zumindest vorübergehend, heimische Fußballkost. Wie bewerten Sie die Bundesliga im Moment? Ist es so schlimm, wie viele meinen, oder ist da auch Schwarzmalerei dabei?
Tatsache ist, dass es in der Bundesliga zum Teil Spiele gibt, die um Klassen besser sind als einige, die ich in Russland gesehen habe. Andererseits gibt es in Österreich Spiele, die so jenseitig sind, dass man sie nicht einmal in der dritten russischen Liga finden würde. Das Pendel zwischen gut und schlecht schwingt in Österreich oft zu schlecht, kann aber auch zu sehr gut pendeln. Dazu kommt noch, dass die Ansprüche in Österreich weit überzogen sind. Unterm Strich steht für mich zwar keine besonders gute Performance, so schlecht, wie oft dargestellt, ist die Liga aber auch nicht.

Ist das eine logische Ausdifferenzierung, dass man nicht davon ausgehen darf, jedes Jahr mit ein paar Vereinen international vertreten zu sein?
Das ist immer eine Frage der Definition. Ich möchte ein Beispiel bringen: Holland. Der holländische Fußball hat eine enorm hohe Reputation. Die Holländer spielen so toll, ein Wahnsinn und dergleichen, heißt es immer. Meine Frage: Wann haben Holländer das letzte Mal etwas gewonnen?

Das Nationalteam den Europameistertitel 1988.
Genau. Mit der Ausnahmegeneration Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard. Das ist 20 Jahre her. Dann noch Ajax Amsterdam die Champions League 1995, seither spielen sie nur schön, aber gewinnen nie etwas. Die Reputation ist trotzdem enorm hoch. Wieso ist das so? Wieso ist zum Beispiel das Image des österreichischen Fußballs dagegen so schlecht? Unterm Strich haben beide Nationen das gleiche Resultat. Holländer gewinnen nichts, Österreicher gewinnen nichts.

Holland zehrt eben immerhin von einem Europameistertitel und zwei WM-Finalteilnahmen. Österreich versucht von einem bedeutungslosen Spiel 1978 zu zehren.
Ja. Aber zwischen einmal und keinmal etwas gewinnen besteht nur ein winziger Unterschied. Wenn man Italien oder Deutschland nimmt, die bei Turnieren immer weit kommen, oft Vereine in Europacup-Finalspiele bringen, da erkenne ich System dahinter. Aber Holland? Auf Klubebene ein bisschen Ajax Amsterdam und PSV Eindhoven, beim Nationalteam ein Titel – es ist für mich eines der größten Rätsel im Fußball, warum die Reputation der Holländer so groß ist.

Vielleicht wegen des Offensivfußballs, den sie spielen? Es macht einfach Spaß, den Holländern zuzusehen.
Möglich, aber was am Ende zählt, ist das Resultat. Auf allerhöchstem Niveau sind wir uns doch wohl einig, dass nur das Ergebnis zählt.

Der neutrale Konsument vor dem Fernseher oder im Stadion sieht das vielleicht anders. Dem ist egal, ob Holland einen Titel holt, der will attraktiven Fußball sehen – Brot und Spiele.
Attraktivität ist eine schwer fassbare Kategorie, weil sie mit Bewertungssystemen zusammenhängt, die sehr subjektiv sind. Man kann offensives Flügelspiel attraktiv finden, aber genauso das ausgeklügelte Verschieben einer italienischen Viererkette. Und selbst wenn sich von der Spielweise ein Image ableiten mag, warum sagt zu den Holländern, natürlich ausgehend von einem sehr hohen Niveau, eigentlich keiner: Ihr seid eigentlich Loser …

Sagen Sie es ihnen.
Holländer, ihr seid Loser!

Stichwort Loser: Wie sehen Sie Karel Brückner als österreichischen Teamchef?

(schweigt lange) Wenn Sie mich fragen würden, warum der Teilchenbeschleuniger bei CERN nicht funktioniert, wüsste ich eine Antwort. Oder wir könnten über den Straßenbau in Indien reden, da könnte ich auch etwas dazu sagen. Zu Karel Brückner weiß ich nichts, da habe ich überhaupt keine Idee. Das ist nicht böse gemeint, denn obwohl er eine erfolgreiche Vergangenheit mit Tschechien hat, kenne ich ihn einfach nicht gut genug, um einen sinnvollen Kommentar abzugeben. Natürlich wünsche ich ihm aber mit dem Nationalteam 2009 mehr Erfolg als vergangenes Jahr.

Haben Sie eine Idee zur Strukturdebatte im ÖFB?
Schon eher. Ich würde den Verband in zwei Verbände teilen, einen für den Breitensport und einen für den Spitzensport, über den in der Öffentlichkeit geredet wird und aus dem sich die nationale Identität definiert. Das System jetzt, wo die neun Landespräsidenten auch über den Spitzensport mitentscheiden, ist aus meiner Sicht nicht ideal. Die haben eher den Zugang zum Breitensport, sie werden ja auch von allen Vereinen in ihrem Bundesland gewählt. Der niederösterreichische Landespräsident denkt also mehr über seine Vereine im Bundesland nach als über das Nationalteam. Außerdem geht es im Breitensport um Entwicklung und im Profi-Bereich um Ergebnisse, was einer ganz anderen Kräftebündelung bedarf. Man muss abwarten, wie sich die letzte Strukturreform und die Bestellung eines neuen Präsidenten auswirken werden.

Sie haben gesagt, aus dem Spitzenfußball definiert sich die nationale Identität. Wie meinen Sie das?
Wenn ich irgendwo außerhalb Österreichs Red Bull Salzburg sage, werden mich in der Regel viele komisch anschauen. Dasselbe gilt für alle anderen Klubs. Vereine können gegenüber außen selten identitätsstiftend sein, das kann nur eine Nationalmannschaft. Wenn bei einer Europameisterschaft Holland in der Nachspielzeit den Treffer zur Niederlage hinnehmen muss, weil sie eben schon wieder Loser sind, betrifft das eine ganze Nation. Wenn Eindhoven das passiert, kümmert das nur die Anhänger von Eindhoven. Das nationale Band, wo dann Millionen orange gekleidete Menschen in Trauer versinken, würde eine Vereinsniederlage niemals bewirken. Die emotionale Sinnstiftung im Fußball passiert durch Nationalmannschaften.

Sie sind erst seit Kurzem wieder in Wien. Gibt es trotzdem schon Zukunftspläne?

Ich habe mich jetzt zuerst einmal wieder ins Familienleben integriert. Klarerweise möchte ich aber in meinem Beruf bald wieder arbeiten und werde versuchen, den Faden in diese Richtung aufzunehmen. Ich war über zwei Jahre weg und muss mich schön langsam wieder mit der Szene hier vertraut machen. Den Rest lasse ich vorerst auf mich zukommen.
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Zitiert

»Man kann offensives Flügelspiel attraktiv finden, aber genauso das ausgeklügelte Verschieben einer italienischen Viererkette.«

Alfred Tatar
Zur Person
Alfred Tatar
Der 45-Jährige ist ein »Rasenpfleger« par excellence, weil studierter Biologe und Fußballtrainer. Nach Stationen als Übungsleiter bei der SV Ried und der Admira arbeitete er zuletzt zwei Jahre in Russland. Zuerst bei Amkar Perm am Fuße des Ural und dann in der Hauptstadt bei Lokomotive Moskau.
Im Dezember 2008 kehrte Tatar aus familiären Gründen Moskau den Rücken und heim nach Wien. Als Spieler verdiente er seine Brötchen bei St. Pölten, der Vienna und in Hernals beim Wiener Sport-Club. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Erratum, 15. März 2009
Alfred Tatar hat uns am 13. März 2009 mitgeteilt, entgegen seiner ursprünglichen Aussage in unserem Gespräch mit ihm, nun doch Co-Trainer bei Lokomotive Moskau zu bleiben. Unsere sechste Ausgabe war zu diesem Zeitpunkt längst gedruckt und im Handel. Das folgende Interview ist also, seine Heimkehr nach Wien betreffend, nicht mehr aktuell. Das Gespräch wurde von Alfred Tatar in der hier vorliegenden Form autorisiert und freigegeben. Mit dem viel zu späten Zeitpunkt der Bekanntgabe seines Verbleibes hat uns Alfred Tatar jegliche Möglichkeit genommen, noch zu reagieren. Wir bedauern.

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