Ressort
Im Abseits
Erstellt
23.03.2009, 00:55
Text
Alois Gstöttner
Christoph Schmiedhofer
Foto
A Crítica

Die Schöne und das Spiel

200 Nationalmannschaften haben für die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika gemeldet. Mehr als jemals zuvor. In den Dimensionen des Peladão wirkt diese Zahl geradezu lächerlich klein. Viele Hundert Mannschaften ermitteln im größten Amateur-Fußballturnier der Welt in rund 1.500 Spielen den Meister ihrer Reihen. Nicht genug des Spektakels, findet als integrativer Bestandteil des Turniers ein Schönheitswettbewerb statt.


Im Portugiesischen bezeichnet das Wort »Pelada« (»pelado« bedeutet »kahl, nackt«) umgangssprachlich ein spontanes Fußballspiel, zumeist barfuß auf rasch abgesteckten Feldern. Pelada wird tagtäglich tausendfach im ganzen Land ausgeübt. In den Hinterhöfen São Paulos, auf den Straße Salvadors, in den Parks von Brasília und an den Stränden Rio de Janeiros. Es ist eine nationale Institution, die die Protagonisten vereint – im Glauben an den Fußball. In Manaus, der Hauptstadt des flächenmäßig größten brasilianischen Bundesstaats Amazonas, bekommt Pelada eine neue, größere Dimension: Es wird zum Peladão, dem größten Fußballturnier für Amateure der Welt. »A Crítica«, die auflagenstärkste Zeitung in Amazonas, initiierte 1973 erstmals den Peladão. Seit damals wird der Bewerb alljährlich zwischen August und Dezember in Manaus ausgetragen. Die annähernd zwei Millionen Einwohner zählende Stadt genießt in vielerlei Hinsicht einen exotischen Status. Gelegen am Rio Negro, unweit von dessen Mündung in den Amazonas, ist die Stadt – abgesehen von den Straßen zu einigen umliegenden kleineren Städten und der einzigen Überlandverbindung in den Nachbarstaat Venezuela – nur per Flugzeug oder Schiff erreichbar. So gestaltet sich auch die Anreise vieler Mannschaften mitunter schwierig – vor allem auch in finanzieller Hinsicht. Manche nehmen eine drei- bis viertägige Bootsfahrt auf sich, nur um ein einziges Spiel zu bestreiten. Gespielt wird in den Vorrunden zwei Mal 25 Minuten, beim Finale dann zwei Mal 40 Minuten. Verkomplizierendes Abseits gibt es keines, Elfmeter werden 15 Schritte vor dem Tor ausgeführt, Outeinwürfe dürfen in Beachsoccer-Manier auch mit dem Fuß getreten werden. Was auf den ersten Blick wie eine große Ausgabe der hierzulande üblichen Stammtisch-Cups wirkt, bekommt angesichts des komplexen Regelwerks eine zumindest skurrile, man könnte auch sagen – um bei der Analogie zum Regenwald zu bleiben – exotische Note.

Die Schönsten kommen zurück
Seit dem zweiten Jahr des Bestehens des Turniers muss jede teilnehmende Mannschaft eine eigene Schönheitskönigin in den parallel stattfindenden Schönheitswettbewerb schicken. Ausgestattet mit Bikini und (meist) neuen Sportschuhen stellen sich die (zumeist) blutjungen Mädchen den strengen (bisweilen spöttischen) Blicken der Zuseher. Bei der Eröffnungsfeier werden die Schönheiten vor 15.000 Zusehern durchs Stadion geschickt. Über das Weiterkommen entscheidet jedoch allein die familiär angelegte Jury, in der Turnierleiter Arnaldo Santos, seine Frau sowie ihre beiden Töchter die Stimmenmehrheit bilden.
Die 100 qualifizierten Schönheitsköniginnen werden sodann auf das Viertelfinale ihres Bewerbs vorbereitet. In vier Gruppen wird richtiges Gehen und Benehmen vermittelt – nicht immer ganz freiwillig. Doch das Regelwerk ist streng: So ist es den Schönheitsköniginnen ausdrücklich verboten, während der Dauer des Wettbewerbs private Einladungen anzunehmen oder an Fotoshootings teilzunehmen. Empfohlen wird »die ständige Begleitung der Mutter«. Doch die Mühe lohnt: Für einige der teilnehmenden Mädchen ist der Bewerb nicht selten der Startschuss für eine Karriere am Laufsteg, eine unter ihnen brachte es später immerhin zur »Miss Brasil«. Auch bei den Herren schaffte einer den Sprung ganz nach oben. França, Stürmer der Selecão zwischen 2000 und 2002, begann hier seine steile Karriere.
Was aber – zumindest im Kontext des Fußballs – noch viel wichtiger ist: Die vier Mädchen, die in eigenen Fernsehshows als die schönsten ihrer Gruppe gekürt werden, sichern ihrer unter Umständen bereits ausgeschiedenen Mannschaft einen Platz in der Trostrunde. In dieser treffen die solcherart ins Turnier Zurückgekommenen auf die Mannschaften der Provinz. Zahlreiche Gemeinden im Hinterland von Amazonas halten nämlich ihre eigenen Versionen des Peladão ab und entsenden ihre Siegermannschaften samt Schönheitsköniginnen in die Hauptstadt Manaus. Der Gewinner des Parallelbewerbs darf als 16. Mannschaft in das Achtelfinale des Hauptturniers einsteigen.

Der geregelte Ablauf als Mammutprojekt
Dieser Modus und die schiere Größe der Veranstaltung lassen erahnen, welch organisatorischer Kraftakt notwendig ist, den Peladão reibungslos über die Bühne zu bekommen. Das Erstellen und Durchschauen des Spielplans durch den Turnierchef Arnaldo Santos, der die Finalspiele zweckmäßigerweise auch gleich als Radiokommentator moderiert, ist somit auch das wesentliche humoristische Element in Jörn Schoppes Dokumentarfilm »Peladão – Elf Freunde und eine Königin«, in dem der deutsche Regisseur einfühlsam die ungleichen Protagonisten des Wettspiels portraitiert.
Die Meisterung all dieser logistischen Herausforderungen gelingt auch durch ein strenges Regelwerk. 204 Paragrafen umfasst alleine der »Codigo disciplinar«, dessen Versuch, die Emotionen und den Eifer von Spielern und Zuschauern in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken, in der Vergangenheit des Öfteren scheiterte. Lautstarke Vermutungen über die sexuelle Orientierung der Unparteiischen oder gar die vorsätzliche Beeinträchtigung ihrer körperlichen Unversehrtheit ziehen seitdem Geldstrafen und Turnierausschlüsse nach sich. Für jede rote Karte, die eine Mannschaft erhält, muss diese Fußbälle an arme Kinder ihrer Gemeinde spenden. Elf Rechtsanwälte unterstützen diese aufwendige Operation.

Ein Spiel vereint
Der integrative Charakter der Veranstaltung, die Menschen unterschiedlichster Schichten im Spiel vereint, ist ein wesentliches Element des Peladão. So proklamiert der erste Artikel des 32-seitigen Regelwerks: »Das Ziel des Peladão ist die soziale Integration des Volkes durch den Sport, die Förderung des technischen Potenzials und die Hervorhebung des Mutes und der Schönheit der amazonensischen Jugend.« Das Kuriosum, dass jede Mannschaft eine Schönheitskönigin stellt, darf daher nicht aus europäischer Sicht als typisch südamerikanischer Chauvinismus abgetan werden, sondern muss unter diesem integrativen Blickpunkt gesehen werden, möglichst alle Menschen – in diesem Fall die Frauen – ins Turnier einzubinden. Übrigens treten seit 2006 auch Frauen als aktive Spielerinnen an.
Der Peladão ist somit eine Chance für die vielen anonymen Armen der Region auf einen kleinen Moment des Ruhms. Gerne auch als die »Olympischen Spiele des Amazonas« bezeichnet, an denen jeder teilnehmen kann, der möchte. Die Bedeutung lässt sich nicht zuletzt auch an den Zuschauerzahlen ermessen. Während die Mannschaften in den Profiligen aus Amazonas selten mehr als 1.000 Fans anlocken, wird das Finale des Peladão von 20.000 Zuschauern verfolgt. Arnaldo Santos umreißt die Philosophie »seiner« Veranstaltung enthusiastisch: »Der Peladão ist ein fantastisches Zeichen der Kraft, der Entschlossenheit, der Opferbereitschaft, aber vor allem des Lebens.«
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Peladão (A Crítica)
Info
Peladão 2008
Das Finale des Peladão 2008, das am 17. Jänner 2009 im »Clube do Trabalhador« über die Bühne ging, endete mit einem 7:1 für das Team Compensão, eine der beliebtesten Mannschaften des Turniers. Der Gegner, Lanche do Jacaré, benannt nach einer Imbissbude in Manaus, war dem Favoriten mehr als unterlegen.
Zur Schönheitskönigin wurde die 19-jährige Journalismusstudentin Karla Catherine gekürt. Angeheuert wurde sie von ihrem Freund für das Team »Por que não jogaríamos« (deutsch: »Warum sollten wir nicht spielen«), das im Turnier ohne großen Erfolg vom Platz ging. Sie selbst setzte sich gegen 428 Konkurrentinnen durch und gewann wie jede »Rainha do Peladão« ein flottes Auto.

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