Ressort
Verhaltenskreativ
Erstellt
06.10.2008, 17:05
Text
Alois Gstöttner 
Mané Garrincha

Die Freude am Flügel

Was für Argentinien Diego Maradona, für Manchester United Éric Cantona ist, das ist und bleibt Manuel Francisco dos Santos – Mané Garrincha – für Brasilien: einer von uns. Einer mit ordentlichen Schwächen, einer, in dem sich unsere Träume und Sehnsüchte spiegeln. Vor 25 Jahren hat er uns verlassen. Das schlampigste Talent der Fußballgeschichte im Portrait.


Man nannte ihn »Alegria do Povo« und meinte die »Freude der Leute«. Er war einer der letzten unbeschwerten Dribbler und wohl auch der größte aller Zeiten. Selten zielgerichtet, immer war das Spiel wichtiger als das, was man in der Mitte des letzten Jahr­hunderts unter Taktik verstand. Die Räume waren noch weit und der Spielaufbau langsam, für die mittlerweile aussterbende Spezies der Ballkünstler ein dankbarer Nährboden. Der Mythos des ballverliebten Südamerikaners – Garrincha sei Dank – hält bis heute an. Der Autor und Journalist Ruy Castro bezeichnet ihn als »den amateurhaftesten Fußballer, den der professionelle Fußball je hervorgebracht hat.« Wunderschön, manchmal umsonst, selten vernünftig, immer eine Freude.

Anatomisches Wunder
Am 28. Oktober 1933 in Pau Grande bei Rio de Janeiro geboren, aufgewachsen zwischen Analphabetismus, Schulabbruch, Fabriksarbeit, acht Geschwistern, Caipirinha und Cachaça in rauen Mengen. Mané war zierlich gebaut, seine Beine ungleich lang und sein Rückgrat deformiert. Er galt als faul, naiv, gutmütig und seine Intelligenz als bescheiden. Aber er liebte Fußball und er hatte Talent. Sogar reichlich. In der länd­lichen Gegend von Pau Grande hatte er zahlreiche Fürsprecher, und die Werkself von »América Fabril« stellte eine solide Basis, genügend professionell für die Scouts aus der nahen Metropole.

Traumhaft
Bei Botafogo, neben Flamengo, Vasco da Gama und Fluminense einer der vier großen Vereine in Rio, begann seine Karriere. Ein Gurkerl gegen die Abwehr­legende und seinen späteren Freund und Wegbegleiter Nílton – die Enzy­klopädie des Fußballs – Santos war seine erste Aktion. »Hier entsteht Großes« – Verbandsführung und die lokale Presse waren sich einig. In derselben Nacht noch unterzeichnete er seinen ersten Profivertrag. Beruf: Fußballer. Berufung: Flügelgott. Motivation: Freude. Ein Hattrick gegen Bonsucesso, sein Einstandsgeschenk. Zwölf Jahre, 581 Spiele und 232 Tore lang sollte die wechselhafte Beziehung zu Botafogo halten.
International wurde ebenfalls Geschichte geschrieben. Auf »die drei großartigsten Minuten in der Geschichte des Fußballs« folgte der erste – längst fällige – Titel für die Seleção bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden. Zusammen mit Didi, Bellini, Vavá, Gilmar, Zagalo und dem damals erst 17-jährigen Pelé wurde der europäische Fußball (5:2 gegen Gastgeber Schweden im Finale) gedemüdigt und Brasilien für vier Jahre verzaubert. Der zweite Titel in Chile mit Garrincha als Torschützenkönig folgte. Der Zauber hielt an: Man galt als unschlagbar. Die Statistik zeigt: Man war es auch. Mit Pelé an seiner linken Seite wurde kein Spiel verloren. Fußball als Kunstwerk: »Futebol Arte« hatte seine zwei größten Söhne. Dazwischen wurde die ehemalige Fabrikskollegin Nair Marques geheiratet und acht kleine Mädchen bekamen einen Vater, der ständig zwischen Pau Grande, Rio de Janeiro, unzähligen Affären, Alkoholexzessen, Showgirls und Gastspielen in Europa pendelte.

Tragisch
Sein letztes wirklich großes Spiel im schwarz-weißen Botafogo-Dress absolvierte er im Dezember 1962 gegen den Stadtrivalen Flamengo. »Alegria do Povo« erfreute noch einmal knapp 150.000 im Maracanã-Stadion. Die Carioca-Meisterschaft konnte in der letzten Runde entschieden werden. Nach unglücklichen Vertrags- und Gehaltsverhandlungen, akuten Knieproblemen und weiteren Alimentsansprüchen ging es zum ersten Mal bergab. Steil. Konflikte mit der Vorstandsetage von Botafogo häuften sich. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, die Einsätze waren bescheiden und schmerz­voll. Aus der Affäre mit der Samba-Sängerin Elza Soares wurde seine große Liebe. Ehebruch, Samba, Sex, Alkohol und Fußball. Rios Boulevardmedien hatten ihre große Zeit. Willkommen im gesellschaftlichen Abseits.
Abgründe bilden scheinbar die Basis jeder Legendenbildung. George Best, Diego Maradona, Éric Cantona und Paul Gascoigne wurden die herausragendsten Vertreter der kommenden Jahrzehnte. Pelé und Franz Beckenbauer, beide waren sie wohl zu brav, zu eindimensional, eventuell zu intelligent, um in diese fragwürdige Liga aufzusteigen.
Mit Anfang 30, eigentlich Hochsommer, war für Garrincha bereits biografischer und vor allem physiologischer Spätherbst. Die Weltmeisterschaft 1966 eine nationale Katastrophe. Pelé verletzt! Ende in der Vorrunde gegen Ungarn! England Weltmeister!
Gastspiele in São Paulo bei Corinthians, Atlético Junior, Flamengo und Olaria. Eine Mischung aus letzter Hoffnung, Tragik und Geldnot.

Verarmt
Einmal noch wurde im Maracanã gezaubert – Dezember 1973. Sein Abschiedsspiel gegen eine Welt­auswahl. 131.000 im Stadion und Millionen in ganz Brasilien verneigten sich ein letztes Mal vor dem zweifachen Weltmeister. Einsam, nur mit einer kleinen Pension ausgestattet, gelegentlichen Gastspielen an der Grenze zur Freakshow, verbrachte er seine letzten Jahre. Die meisten meinten es gut mit ihm, doch er soff sich weiter zu Tode. Am 20. Jänner 1983, im Alter von 49, starb Mané Garrincha an einer Leberzirrhose.
Er hinterließ mindestens vierzehn Kinder. Zahlreiche Tricks wurden nach ihm benannt – die Freude bekam einen Namen. Seinen.
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Zitiert

»Er war wie Curupira, der Dämon der Volkstradition, dessen Füße seitenverkehrt ein­gesetzt waren, der geschickt und immer zu Streichen aufgelegt und nie zu fangen war.«

Ruy Castro

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