Im Abseits Erstellt
07.10.2008, 16:51 Text
Katharina Postl
Christoph Schmiedhofer Foto
Peter Curilla

Kick it like Bruce Lee
Präzision, Schnelligkeit und spektakuläre Akrobatik verleihen Sepak Takraw die Ästhetik eines Videospiels. Bei uns so gut wie unbekannt, ist der südostasiatische Volkssport auf dem Weg zur Olympiadisziplin.
Viele Umstände mögen die Exotik einer Sportart bestimmen: wenige Aktive, ein geringer Bekanntheitsgrad, hohe technische Eintrittshürden, eine ungewöhnliche Ästhetik, ein unaussprechlicher Name. Sepak Takraw vereint viele dieser Eigenschaften auf hohem Niveau und verquickt sie zu einer unwiderstehlichen Synthese, die man dem Uneingeweihten ohne die inflationäre Verwendung von Superlativen schwerlich beschreiben kann. Wir versuchen es dennoch und würden es so formulieren:
Athleten, die – das entsprechende Niveau vorausgesetzt – direkt einem Martial-Arts-B-Movie entstiegen sein könnten, kicken einen Hohlball aus Kunststoff von rund 13 Zentimeter Durchmesser, der den Boden nicht berühren darf, in Kung-Fu-Manier über ein Badmintonnetz. Selbstverständlich ist das nicht die offizielle Definition, aber sie vermag das Erstaunen, das der erste Kontakt mit diesem Sport auslöst, recht anschaulich zu illustrieren.
»Was John Carew mit einem Fußball macht, mach’ ich mit einer Orange«. Diese vom exzentrischen Zlatan Ibrahimovic einst proklamierte Großspurigkeit ist im Sepak Takraw gelebte Realität.
Kick den Rattan!
Der Name Sepak Takraw ist, wie auch der Sport an sich, zweierlei Ursprungs. »Sepak« kommt aus dem Malayischen und bedeutet so viel wie treten bzw. schießen. »Takraw« ist ein Thai-Ausdruck für den geflochtenen Ball. Das ergibt die ebenso anschauliche wie proklamatorische deutsche Übersetzung: Kick den Rattan!
Die Wiege des heutzutage auf so spektakuläre Art gepeinigten Spielgeräts war wesentlich sanfterer Natur. Das aufgrund von frühen Handelsbeziehungen mit China von ebendort importierte »Cuju« fand recht schnell eine bedeutsame Anhängerschaft in Teilen Malaysias und Thailands. Schon im 15. Jahrhundert nach Christus nahmen vorwiegend Männer und Jungen bei feierlichen Anlässen im Kreis Aufstellung und spielten sich einen Ball aus Rattangeflecht zu. Zunächst noch ohne Konkurrenzgedanken ging es bei dieser Urform des heutigen Spiels, »Sepak Raga« genannt, lediglich darum, den Ball möglichst kunstfertig und eindrucksvoll an einen Mitspieler weiterzuleiten. Ein Wandgemälde in Bangkok, in dem die Hindu-Gottheit Hanuman Takraw in einem Kreis von Affen spielt, veranschaulicht noch heute die damalige Ausprägung des Spiels.
Im Kreis sollte das Spiel hunderte Jahre bleiben, bis sich schließlich durch das von den britischen Kolonialherren nach Malaysia gebrachte Badminton und dessen Wettkampfcharakter das Spiel langsam zu verändern begann. Obwohl Badminton so wie alle anderen von den Engländern eingeführten Sportarten wie Hockey, Cricket oder Tennis eine nur von wenigen ausgeübte Freizeitbeschäftigung der Oberschicht war, und Sepak Raga eine Freizeitunterhaltung in den Dörfern war und ist, verschmolz das ursprüngliche Spiel und der charakteristische Badmintoncourt im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Sport heutiger Ausprägung. Einmal in den Schulen als Unterrichtsfach aufgenommen, fand das neue Spiel schnell Verbreitung und war zu dieser Zeit bereits so populär, dass man 1933 Thailands erste Verfassung nach Abschaffung der absoluten Monarchie mit einem großen Takraw-Schaukampf feierte. In den späten 50er-Jahren war es bereits in ganz Südostasien verbreitet.
Nunmehr stehen sich zwei bzw. drei (»Regu«) Spieler auf einem 13,4 × 6,1 Meter großen Feld gegenüber und versuchen, den Rattan über das in der Mitte 1,52 Meter (Männer) bzw. 1,42 Meter (Frauen) hohe Netz im gegnerischen Feld für die konkurrierende Mannschaft unerreichbar unterzubringen. Das Objekt der Begierde, der Ball selbst, ist geflochten und hohl, also nicht mit Luft aufgepumpt, was ihm eine besondere Elastizität verleiht. Ursprünglich aus Rattan gefertigt, werden die 170 bis 180 Gramm schweren Bälle seit Aufnahme eines geregelten Turnierbetriebes 1984 aus Kunststoff hergestellt. Der Ball darf mit allen Körperteilen gespielt werden, außer mit Händen oder Armen, die nur bei der Angabe zu Hilfe genommen werden dürfen. Pro Team sind drei Ballkontakte erlaubt, die alle auch von einem Spieler hintereinander ausgeführt werden können. Gespielt werden zwei Gewinnsätze bis 21 Punkte.
Anforderungen: Technik, Timing, Respekt
Ähnlich dem Volleyball wird der Rattan nach Möglichkeit mit einem sogenannten »Insidekick« parallel zum Netz hoch in die Luft gebracht, um ihn mit Angriffsschlägen im Feld der Gegenspieler unterzubringen. Das weit über 100 km / h erreichende Spielgerät wird dabei vom versierten Spieler nach allen Regeln der Kunst traktiert: Fallrückzieher, Salti und Scherenschläge sind die Bewegungen, die Bruce Lee zur Ehre gereichen und dem Gegner das Erreichen des Balles verunmöglichen sollen.
Das erfordert nicht nur ein gehöriges Stück physischer Kondition, sondern auch entsprechende Übung. Trotz der elastischen Eigenschaften des Balls bedarf es einer großen technischen Fertigkeit, ihn in der Luft zu halten. Im Gegensatz zu anderen Sportarten lässt sich beim Sepak Takraw der Ball zudem nicht widerspruchslos peinigen. Er dankt es dem treffunsicheren Anfänger mit zahlreichen blauen Flecken an Knöcheln, Schienbein und Kopf. Abhilfe schaffen heruntergerollte Fußballstutzen und Stirnbänder (Kopfbälle!). Zu den geforderten technischen Fähigkeiten gesellt sich die Geschwindigkeit des Spiels. Die artistischen Bewegungen in gewandter und flüssiger Folge aneinanderreihen zu können sowie die Dynamik des blitzschnellen Umschaltens von Verteidigung auf Angriff machen die eigentliche Meisterschaft des Spiels aus. Dass dies auch eine psychische Herausforderung ist, leuchtet ein, doch gerade das macht die fernöstliche Charakteristik von Sepak Takraw aus. Die Demut vor den Anforderungen und die Bescheidenheit in Bezug auf die eigenen Fertigkeiten erfordern eine persönliche Auseinandersetzung auf geistiger Ebene. Diese Philosophie schlägt sich auch auf die Spielregeln nieder, denen stets der Respekt vor Schiedsrichter und Gegner immanent ist. So darf man etwa einer ungeschriebenen Regel zufolge während des Spiels dem Angebenden der gegnerischen Mannschaft den Ball nicht mit dem Fuß zukicken, sondern hat ihn – aus Anerkennung für den Gegner – mit der Hand unter dem Netz durchzurollen.
Takraw macht glücklich
»Diese Philosophie habe ich von Anfang an mitbekommen«, meint Susi Soral, eine von aktuell nur sieben Takraw spielenden Frauen in Österreich. »Selbst im lockeren Training werden die Regeln beachtet, etwa dass man nicht weiterspielt, wenn der Ball einmal den Boden berührt hat«. Angesichts dieser vielfältigen Ansprüche an den Ausübenden soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, Sepak Takraw wäre schier unmöglich zu erlernen. »Man muss sich bewusst sein, dass man mit einer Durststrecke beginnt«, umreißt Susi Soral die Sachlage zwar illusionslos-nüchtern. »Bei den ersten Trainingseinheiten übernimmt mangels Spielfluss zunächst immer eine Person den passiven Part und wirft nur zu. Es dauert ein wenig, bis beide aktiv werden können. Die größte Herausforderung war für mich das Timing, das ist das Um und Auf, da man den Ball – egal wie er kommt – immer hoch aufspielen sollte. Aber bei mir hat es nach zwei bis drei Monaten angefangen, Spaß zu machen. Da entschädigen erstmals gelungene Aktionen für ganze Trainingseinheiten, in denen nichts geht.«
Die Eintrittshürden einmal gemeistert, darf man sich zudem damit schmücken, einem elitären Kreis anzugehören. Nach Auskunft der Austrian Sepak Takraw Association, dem seit 2002 bestehenden heimischen Verband, üben in Österreich derzeit nur rund 22 Spieler, darunter sieben Frauen, diesen Sport organisiert aus. Die Chance, ein Nationalspieler zu werden, dürfte in nur wenigen Sportarten einer derartig optimalen Kosten-Nutzen-Rechnung unterliegen. Wohl auch aus diesen Gründen erfreut sich Sepak Takraw auch außerhalb seiner Mutterländer, vor allem in Europa und Nordamerika, in den letzten Jahren steigender Beliebtheit. In Asien längst Profisport, dessen berühmteste Protagonisten Heldenstatus genießen, dürfte der Anreiz, sein Heimatland in einem international besetzten Turnier repräsentieren zu dürfen, außerhalb Asiens ein nicht ungebührlicher Ansporn sein, die Mühen der Ebene zu durchwandern. Einen anderen nennt Susi Soral: »Takraw macht glücklich.«
Dank der steigenden internationalen Popularität wurde der asiatische Verband ASTAF 1988 in ISTAF (International Sepak Takraw Federation) umbenannt und er betreibt seitdem unter anderem Anstrengungen, Sepak Takraw als erste asiatische Mannschaftssportart als olympische Disziplin anerkennen zu lassen. Mittelpunkt der internationalen Turnierszene sind die von der ISTAF seit 1985 jährlich veranstalteten King’s Cup World Championships, die seitdem jedes Jahr in Thailand zu Ehren des Königs ausgetragen werden. In Europa werden seit 2005 die Euro-Series abgehalten, eine Turnierserie der FESTA (Federation of European Sepak Takraw Associations), die dieses Jahr Station in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Italien macht.
Bestandteil der internationalen Turnierszene zu werden muss ja nicht gleich erklärtes Ziel sein. Seine technischen Fähigkeiten kann man aber mit ein wenig Sepak Takraw im Park bedeutend steigern. Vielleicht probiert das ja Zlatan Ibrahimovic einmal.

Zitiert
»Man muss sich bewusst sein, dass man mit einer Durststrecke beginnt.«
Susi SoralCircle-Takraw
Die Wettkampf-Variante des traditionellen Sepak Raga. Die Spieler stehen im Kreis und versuchen den Ball möglichst lange in der Luft zu halten. Je nach Schwierigkeitsgrad der akrobatischen Einlagen werden Punkte vergeben. So gibt es für einen einfachen Pass (Pass mit Kopf, Spann, Innen-/ Außenrist, Schulter, Knie, Ober-/ Unterschenkel) einen Punkt, für einen Pass mit hinter dem Standbein gekreuztem Fuß oder einem »blinden Pass« (hinterm Rücken) drei Punkte.
Hoop-Takraw
ist eine Variante des Circle-Takraw. Die Spieler stehen in einem Kreis und versuchen während der Spielzeit den Ball ohne Zuhilfenahme der Hände und Arme möglichst oft in einen im Zentrum des Kreises in 5,8 Meter Höhe hängenden Korb zu befördern. Der unten geschlossene Korb besteht aus drei Ringen (»hoop«), die in einem Dreieck angeordnet sind, sodass der Ball nur von der Seite durch einen der Hoops ins Netz gelangen kann.
Netz-Takraw
Eine Variante des Sepak Takraw als Mannschaftssportart. Besteht seit ca. 1920 und war 1960 die Grundlage für jenes Spiel, das man heute unter Sepak Takraw versteht.
Kick Bag
Bei uns unter dem Namen »Hacky-Sack« bekannt. Stammt sporthistorisch betrachtet vom Sepak Raga ab. Ziel ist das möglichst kunstvolle Weiterspielen eines kleinen elastischen Balles im Kreise der Mitspieler.
Hier kickt man den Rattan
Österreich
Austrian Sepak Takraw Associaton
Attention Badminton Center, Graz
http://www.takraw.at/
Deutschland
Sepak Takraw Berlin
TU-Sportzentrum Waldschulallee, Berlin
http://sepaktakraw-berlin.de/
Takraw Dudes Kiel
Jahnschule Kiel
http://www.takraw-dudes.de/
Takraw Cologne 03
Deutsche Sporthochschule Köln
http://www.takraw-cologne.de/
Sukarela Tepak Takraw Elmshorn
Sporthalle KGSE Elmshorn, Grundschule Kaltenweide
http://www.takraw-elmshorn.de/
Schweiz
Sepak Takraw Club Schweiz
Thiersteinerschulhaus in der Dornacherstrasse, Basel
http://www.takraw.ch/
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